BSB Vol. 10 – Du musst dich einfach mal entspannen!

Varianten: „Komm einfach mal runter.“, „Würdest du dich entspannen, dann hättest du diese Probleme nicht.“, „Du machst dir einfach zu viele Gedanken.“, „Lern doch mal abzuschalten.“, „Probier’s mal mit Lavendel.“

Die erste Erwiderung, die mir dazu einfällt: „Und du musst einfach mal die Klappe halten und zuhören“. Erfahrungsgemäß weiß der RatSCHLAGgeber auch in diesem Fall wenig über die Abläufe im Körper Fibromyalgie-Erkrankter. Diese zu kennen ist aber essentiell, um zu erklären warum diese Aussage oft ziemlicher Bullshit ist. Trotzdem muss ich zugeben, dass dahinter auch ein bisschen Wahres steckt. Aber immer der Reihe nach.

Einem von Fibromyalgie geplagten Menschen zu sagen, er solle sich doch einfach mal entspannen ist  ungefähr so, als würde man einem Ertrinkenden zurufen: „Hol doch einfach mal Luft!“. Ja, danke auch für den Tipp. Wenn es so einfach wäre würden wir, also der Ertrinkende und wir Fibros, das natürlich machen. Aber uns fehlen ein paar Fähigkeiten, die uns daran hindern können.

BOTENSTOFF-SALAT, SCHLAFSTÖRUNGEN UND STIMMUNGSTIEFS

Um das zu erklären, müssen wir in die körperlichen Prozesse einsteigen, die bei der Entspannung eine Rolle spielen. Ich versuche es anschaulich und kurz zu machen. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Fibromyalgie-Patienten Störungen im Botenstoff-Haushalt vorliegen. Unter anderem wurden niedrige Konzentrationen von Serotonin und L-Tryptophan gemessen. Dass Serotonin Einfluss auf unsere Stimmung hat, ist vielen LeserInnen sicher bekannt. Das Hormon führt zu innerer Gelassenheit, macht ruhig und zufrieden. Fehlt diese Substanz sind die Folgen Unruhe, Verstimmungen des Gemüts und sogar Depression.

Serotonin spielt aber auch eine wichtige Rolle für unseren Schlaf, weil der Körper es benötigt, um das Schlafhormon Melatonin zu bilden. (Wer noch mehr zum Zusammenhang von L-Tryptophan, Serotonin und Melatonin erfahren machen will, kann sich den verlinkten Artikel anschauen.) Außerdem ist Serotonin am Schmerzgeschehen beteiligt. Wer mehr Schmerzen hat, der verbraucht mehr Serotonin. Es wird besonders in den Tiefschlafphasen gebildet und hemmt die Übertragung von Schmerzreizen. Puh, was für eine ungute Verquickung für alle Fibros! Ihr seht schon: wichtige Botenstoffe sind an allen möglichen Symptomen der Fibromyalgie beteiligt. Was davon wie zusammenhängt, was Ursache und was Wirkung wovon ist, ist noch nicht ganz klar.

Also, nochmal zusammengefasst: wer Fibromyalgie hat, dem fehlen bestimmte Botenstoffe. Das trägt dazu bei, dass Schlaf, Stimmung und Schmerzwahrnehmung beeinträchtigt sind. Mehr Schmerz und weniger Schlaf wiederum können den Mangel an Botenstoffen noch vergrößern. Das sind Gründe, warum die Botenstofftherapie mittlerweile eine der Standardtherapien bei Fibromyalgie ist und diverse Symptome lindern kann.

SCHMERZ MACHT AUTOMATISCH AGGRESSIV

Dass Schmerz den Körper in einen Alarmzustand versetzt ist lange bekannt und dürfte jedem/r einleuchten. Der Körper reagiert auf Schmerzen mit Aggression – übrigens sowohl auf körperlichen als auch auf psychischen Schmerz. Aus evolutionsbiologischer Sicht hat sich das wohl durchgesetzt, weil ein aggressives Lebewesen Schmerz und jene, die ihm diesen zufügen, besser abwehren kann. Um so im besten Falle nicht noch mehr Schmerz zu erleiden oder ihn das nächste Mal bei der Erinnerung daran früher abzuwehren. Dass Fibromyalgie-PatientInnen aufgrund ihrer Schmerzen gerne mal gereizt sind, hängt also auch mit einer Reaktion zusammen, die unbewusst und automatisch abläuft.

So, und dann tut einem alles weh, man hat kaum geschlafen und ist absolut gerädert und deswegen gereizt und dann kommt so ein Schlaumeier daher und rät: „Entspann‘ dich doch einfach mal!“. Was glaubt ihr, was dann passiert? Richtig, eher das Gegenteil! Man regt sich auf oder ist genervt, im besten Fall lässt man diese Erwiderung einfach an sich abprallen. Entspannung auf Zuruf oder Knopfdruck funktioniert nämlich nicht. Zu den ganzen Symptomen ist dieser RatSCHLAG also noch etwas, was man wirklich nicht gebrauchen kann.

WAS KANN MAN TUN UND WAS KANN ENTSPANNUNG BRINGEN?

Prinzipiell ist es natürlich gut und sinnvoll für jede/n Fibromyalgie-Betroffene/n, sich individuelle Entspannungstechniken anzueignen. Betonung liegt hier auf individuell – nicht jede/r kann sich auf die gleiche Weise entspannen. Aber ich hoffe, es ist durch meine Ausführungen etwas klarer geworden, warum das mit dem entspannen für uns nicht so einfach ist. In unserem Körper herrschen andere Umstände als in denen von Gesunden. Und es gibt schlichtweg Momente, etwa wenn wir starke Schmerzen haben, da können wir uns nicht einfach entspannen. Das zu verstehen und zu respektieren, ist für alle Seiten hilfreich.

DEN PARASYMPATHIKUS STÄRKEN

Dennoch gibt es einige Dinge, die wir für uns selbst tun können, damit es uns besser geht und mehr Entspannung möglich ist. Fibromyalgie zu haben bedeutet für den Körper Stress. Und dauerhafter Stress senkt die Schmerzschwelle weiter ab und löst eine ganze Kette an Reaktionen aus: angespannte Muskeln, höherer Puls, Verspannung, Schlafstörungen, Erschöpfung usw. Bei all diesen Reaktionen spielt das vegetative Nervensystem eine Rolle. Dieses besteht aus zwei Teilen, dem Sympathikus – das ist der aktivierende Teil – und dem Parasympathikus – das ist der Teil, der den Körper „herunterfährt“. Eine Überbeanspruchung des Sympathikus ist eine Gefahr für unsere Gesundheit und bei Fibros keine Seltenheit.

Hier eine Liste von Tätigkeiten, die den entspannungsbringenden Teil unseres Nervensystems stärken können (inspiriert von der Liste bei Soft-Skills)

  1. Bewegung: Langsame Sportarten mit kontrollierten Bewegungen, moderater Muskelanstrengung sowie moderater Ausdauerleistung, gerne auch unter freiem Himmel. Z. B. Yoga, Tai Chi, Qigong, Pilates, Schwimmen, Walken, Wandern, Radfahren oder Funktionstraining. Je nachdem, was eure Fibro-Verfassung zulässt. Actionreiche Sportarten regen an, da sie den Sympathikus aktivieren, darum besser vermeiden.
  2. Meditation, autogenes Training, Achtsamkeitsübungen (MBSR), Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und bestimmte Atemtechniken sind aktive Entspannungsmethoden.
  3. Alle möglichen anderen Hobbys mit automatisierten Bewegungsabläufen können uns auch helfen abzuschalten: Handarbeiten wie Stricken oder Häkeln, Handwerken, Kochen, ein Puzzlespiel, Malen, bestimmte Sportarten und vieles mehr – hier ist jede/r anders. Hauptsache es macht Spaß und lässt uns zur Ruhe kommen.
  4. Musik hören oder Musik machen.
  5. Frische Luft und Sonne.
  6. Alles, was euch zum Lachen bringt.
  7. Soziale Aktivitäten mit Menschen, die wir gerne haben.
  8. Gesunde und ausgewogene Ernährung.
  9. Bestimmte Kräuter: etwa Johanniskraut, Baldrian, Hopfen oder Melisse.

Das sind sicher alles keine Heilmittel für uns Fibros. Aber sie können unsere Therapie doch unterstützen.

Ich hoffe, ich konnte ein wenig Licht ins Thema „Entspannung“ und Fibromyalgie bringen. Auch, wenn es nicht einfach ist, es lohnt sich dran zu bleiben. Und an alle, die keine Ahnung haben: entweder informieren oder einfach mal die Klappe haltendenn DAS bringt uns Entspannung ;).

eure FibroFee

PS: Willst du noch mehr blöde Sprüche zum Thema Fibromyalgie hören? Dann schau in meinem Bullshit-Bingo vorbei.

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4 Replies to “BSB Vol. 10 – Du musst dich einfach mal entspannen!”

  1. Du hast wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Deine Artikel sind super verständlich erklärt. Danke, dass du dir die Mühe machst.

  2. wieder ein guter artikel danke dafür mir hilft sauna zum entspannen früher ging ich imal die woche mit einer tollen gruppe jetzt leider nicht mehr wohne wo anders u. kann es mir nicht mehr leisten was ist eine BOTENSTOFFTHERAPIE? u. wo gibt es die ? hab ich noch nix drüber gehört L.G.Vera

    1. Danke liebe Vera <3 ! Schade, aber vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit für dich. Ja, stimmt, das habe ich ganz vergessen! Saune und überhaupt alles mit Wärme tut mir sehr gut. Bzgl. der Botenstofftherapie musst du einfach auf den Link klicken, da wird es genauer erklärt :). Liebe Grüße

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