BSB Vol. 11 – Was kannst du denn noch essen?!

Varianten: „Ach, ne, das darfst du ja alles nicht essen. Schlimm.“ „Was isst du denn dann noch? Das könnte ich ja nicht!“, „Iss doch wenigstens ein bisschen. Das kann ja nicht groß schaden.“

Diese ewige Diskussion und die Erklärungsdebatten um’s Essen – ich habe sie so satt (haha)! Es gibt kaum ein Thema, bei dem sich andere Leute ständig derart einmischen müssen und man sehr oft in einen Rechtfertigungsmodus gedrängt wird. Ist ja auch klar, denn überall, wo es gesellig zugeht, wo man sich trifft und man länger verweilt, dort wird gegessen. Essen ist so ein Punkt, an dem für uns Fibromyalgie-Patient*innen ganz schnell sichtbar wird, was sich sonst meist verbergen lässt: nämlich dass wir da ein bisschen anders ticken als viele Gesunde.

URSACHEN FÜR VERDAUUNGSBESCHWERDEN BEI FIBROMYALGIE

Eine der häufigsten Beschwerden bei Fibromyalgie sind Verdauungsstörungen jedweder Art. Bei vielen Fibros ist es, als ob der Magen-Darm-Trakt seine ganz eigene Achterbahnstrecke entlangfährt. Mal ist einem übel, dann wieder steht Sodbrennen auf dem Programm, Magenschmerzen sind generell häufig, Verstopfung, Durchfall, Blähungen, druckempfindliche Bauchregion, Schmerzen generell und so weiter und so fort. Reizdarm, Reizmagen, Reizblase sind sehr häufig bei Fibromyalgie. Nichts muss, alles kann.

Botenstoffe: Serotonin

Wo die Ursachen liegen, ist auch hier nicht ganz klar. Es gibt verschiedene Faktoren, die hier eine Rolle spielen. Wie ich bereits in einem meiner letzten Artikel „BSB Vol. 10: Du musst dich einfach mal entspannen“ erklärt habe, sind bei Fibromyalgie einige Botenstoffe aus dem Lot geraten, so auch das Serotonin. Dieses Hormon spielt nicht nur eine Rolle bei Schlaf, Stimmung und Schmerzgeschehen, sondern auch bei der Verdauung. Der größte Teil des Serotonins wird im Darm produziert. Außerdem sitzen hier auch zahlreiche Rezeptoren, an denen der Botenstoff andockt. Ist die Verdauung gestört, kann das folglich Einfluss auf den Serotonin-Haushalt haben und umgekehrt.

Vegetatives Nervensystem als Störenfried

Ein weiterer wichtiger Aspekt, wenn es um die Fibromyalgie geht, ist der Zusammenhang von vegetativem Nervensystem (VNS) und Verdauung. Das VNS wird auch autonomes Nervensystem genannt, weil wir es nicht bewusst steuern können und es praktisch von alleine abläuft. Es steuert lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Blutdruck, Stoffwechsel und auch die Verdauung [1]. Das VNS besteht aus verschiedenen Teilen, darunter dem Sympathikus und Parasympathikus. Wie ich bereits in meinem letzten Artikel erwähnt, ist bei Fibromyalgie-Patienten der Sympathikus häufig aktiver. Die Konsequenz ist, dass der Körper in einen Alarmzustand versetzt wird und er auf Verteidigung und Flucht gepolt ist. In diesem Modus ist die Verdauung zweitrangig und die Aktivität in diesem Bereich wird darum heruntergefahren. Dies ist ein Grund, warum Fibromyalgie-Patienten häufig Probleme in diesem Bereich haben.

Darmgesundheit und Immunsystem

Zudem sitzt der größte Teil unseres Immunsystems im Darm. Dass auch das Immunsystem bei Fibromyalgie in Mitleidenschaft gezogen wird, zeigt sich etwa an der erhöhten Infektanfälligkeit vieler Betroffener. Was nun zuerst da war, Henne oder Ei, lässt sich auch an dieser Stelle schwer sagen. Klar ist, die Systeme beeinflussen sich wechselseitig. Dass in solch oft gereizten Systemen die Anfälligkeit für Allergien und Unverträglichkeiten größer ist, verwundert daher nicht.

WARUM IHR EUCH SELBST UM DAS THEMA ERNÄHRUNG KÜMMERN SOLLTET

Vor diesem ganzen Hintergrund sollte deutlich geworden sein, warum es für Fibromyalgie-Patient*innen so wichtig ist, auf sich zu achten, was die Ernährung angeht. Dieser Punkt kommt für mich in der medizinischen Behandlung oft zu kurz. Wusstet ihr, dass das Thema Ernährung im Medizinstudium nur ganz kurz, so etwa 2-3 Stunden behandelt wird? Da haben sich die Weißkittel aber ganz schön von dem Rat Hippokrates‘ entfernt, der sagte „Lass die Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung!“. Und das, wo er doch immer wieder als Vater der (westlichen) Medizin hochgehalten wird. Aus diesem Grund ist euer Arzt nicht immer der richtige Ansprechpartner für Ernährungsfragen – außer, er hat eine spezielle Zusatzausbildung oder Interesse am Thema.

Ich selbst bin für drei Wochen in einer Rheuma-Klinik mit eigener Fibromyalgie-Station behandelt worden. Auch dort spielte das Thema praktisch keine Rolle – weder in der Kantine, noch in der Patientenschulung. Und das, wo gerade in Bezug auf rheumatische Erkrankungen schon seit Jahrzehnten und nach etlichen Studien klar ist, dass die Ernährung erheblichen Einfluss auf diese Krankheiten hat. Der Fraß, der da aufgetischt wurde, war natürlich auch dem Kostendruck geschuldet, unter dem die Kliniken stehen. Aber als als Abendessen tatsächlich „Wurstsalat“ – eine an sich schon trügerische Wortkombination – auf dem Speiseplan stand, ist mir dann doch die Kinnlade runter gefallen. Eine Mahlzeit in einer Rheumaklinik, die zu 80% aus Wurst besteht, ja ne, is‘ klar…

Alles das sind hoffentlich genug gute Gründe gewesen, warum wir uns selbst darum bemühen sollten, uns auf dem Gebiet der Ernährung schlau zu machen.

EGAL WELCHE ERNÄHRUNG – HAUPTSACHE IHR INFORMIERT EUCH UND ES GEHT EUCH GUT DAMIT

Jetzt aber noch einmal zurück zum Ausgangspunkt meines Textes. Nämlich zu den Leuten, die es nicht verstehen oder nicht akzeptieren wollen, wenn wir uns anders ernähren. Ich habe da schon die dollsten Erlebnisse gehabt. Nun muss ich dazu sagen, dass ich mich schon bald 15 Jahre fleischlos ernähre und nach der Diagnose Fibromyalgie komplett auf pflanzliche Ernährung umgestiegen bin. Ja, ich lebe vegan. Da sind Unverständnis und Gegenwind praktisch vorprogrammiert. Ich bin aber nicht der Typ, der das ständig diskutieren muss.

Wer sich wie ernährt muss jede*r selbst entscheiden. Ich finde es nur wichtig, dass ihr euch informiert und eure Entscheidungen oder Vorwürfe nicht auf irgendwelchem Halbwissen oder der Ausflucht „Das macht man halt so. Das war schon immer so. Das ist normal.“ begründet. Die zahlreichen Gründe, die dafür sprechen, sich pflanzlich zu ernähren, möchte ich auch hier nicht weiter vertiefen. Da gibt’s genügend gutes Material. Wer sich informieren will, dem möchte ich den sehr witzigen und undogmatischen Youtube-Kanal „Vegan ist ungesund“ an’s Herz legen. Ich kann nur sagen, für mich war es der richtige Schritt, weil es mir damit besser geht. Ich habe weniger Verdauungsstörungen, weniger Schmerzen und Krämpfe und ich bin weniger müde und ausgeglichener. Nach wie vor bin ich absolut verfressen und ein Genussmensch – wer mich kennt, der weiß das und bisher konnte noch keiner meinem leckeren Essen wiederstehen ;). Genuss ist mit jeder Ernährungsform möglich, man muss nur wissen wie. Darum finde ich, dass das Genuss-Argument eines der dämlichsten ist …

STORYTIME: „BOAH EY, BITTE KEINE EXTRAWURST!“ ODER „MAN, WARUM BIST DU NICHT EINFACH SO WIE DIE MEHRHEIT, DU OTTO?!“

Zum Schluss noch eine Geschichte für euch, die das Unverständnis gegenüber dem Thema Essen mal wieder deutlich macht.

Ich war in der Gruppe in Kroatien unterwegs. Wir hatten einen Ausflug gemacht und waren danach hungrig auf der Suche nach einem passenden Restaurant. Wie so oft ist es dabei nicht ganz einfach, etwas zu finden, mit dem jede*r zufrieden ist. Ich für meinen Teil würde aber immer ein Lokal vorziehen, bei dem für jede*n etwas dabei ist. Nun wussten auch alle, dass ich nun einmal verschiedene Dinge nicht vertrage und auch kein Fleisch esse. Was auch immer der Grund für eine bestimmte Ernährungsweise ist, finde ich, sollten erwachsene Menschen respektvoll miteinander umgehen und daher die Entscheidungen des Gegenübers akzeptieren. Und die Entscheidung, seine Gesundheit nicht für eine Mahlzeit auf’s Spiel zu setzten, finde ich ziemlich nachvollziehbar.  Das muss nun einmal der- oder diejenige wissen, die mit den Folgen – Schmerzen, Magengrimmen, Übelkeit, Durchfall  oder was auch immer – klarkommen muss, ob sie das in Kauf nehmen will.

In diesem Touri-Ort in Kroatien also reihte sich eine Braterei und ein Fischlokal an das nächste. Als ich zwei oder drei Speisekarten gecheckt hatte und nichts für mich dabei war – und mit nichts meine ich nichts, ich bin nicht wählerisch – blieb eine aus der Gruppe stehen und sagte, dass sie nun hier einkehren wolle. Sie sei schon einmal hier gewesen und sie wolle Nudeln essen. Ich sagte, dass auf der Karte für mich leider nichts stünde außer ein Blattsalat und ne Portion Pommes. Wir könnten ja einen Italiener suchen, da würde ich was finden und Nudeln gäbe es da sicher auch. Da schoss es in die Runde: „Also ich weiß nicht warum wir nicht hier essen können! Die Mehrheit hat damit kein Problem! Warum sollte sich die Mehrheit nach einem Einzelnen richten?“ Ich merkte schon, dass da ziemlich Dampf auf dem Kessel war und hatte keine Lust auf Diskussionen.

Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass sich die Leute alleine durch die Anwesenheit eines Menschen, der kein Fleisch isst, irgendwie provoziert fühlen. Das ist dann aber deren Problem und nicht meins. Selber habe ich aus diesem Grund noch nie einen Streit vom Zaun gebrochen oder irgendjemandem da reingeredet. So viel zum Thema Toleranz… Mein Vorschlag mit dem Italiener wurde ignoriert und da ich einfach nur in Ruhe essen wollte, sagte ich: „Geht ihr ruhig hier essen. Das ist kein Problem. Ich such mir einfach etwas anderes.“ Zwei schlossen sich dann noch mir an und so teilte sich die Gruppe auf. Für mich war das völlig in Ordnung.

Ich fand es nur sehr lustig, dass wir nach unserer leckeren Mahlzeit beim Italiener, der übrigens selbstgemachte Nudeln anbot, die anderen abholen wollten und die gerade erst ihr Essen bekamen. Später steckte mir noch eine der anderen, dass es auch gar nicht gut war. Karma, Baby, Karma.

GESUNDHEIT GEHT VOR. PUNKT.

Ich weiß wirklich nicht, warum das Thema Essen immer wieder zu solchen Situationen führt. Jemand der Gluten nicht verträgt, der kann den Geburtstagskuchen dann halt nicht essen. Jemand, dem es bei einer Portion Zwiebel fast den Darm zerreißt, der verzichtet auf den Salat mit den rohen Übeltätern. Und jemand, der beim Verzehr von Fleisch Schmerzen bekommt oder es aus anderen Gründen nicht isst, der wird sich nicht wegen irgendwelcher Mehrheitsbeschlüsse plötzlich auf die Grillplatte stürzen.

Das ist nichts, was man tut, um anderen Leuten die Laune zu verderben, sie zu kritisieren oder ihnen mehr Arbeit zu machen. Ich muss dafür auch nicht bemitleidet werden (lies hier was ich zum Thema Mitleid schreibe). Was für andere oft nach einer komplizierten Umstellung klingt, ist es selten – einmal daran gewöhnt, wird so etwas schnell zur Normalität. In den allermeisten Fällen haben wir nicht einmal die Wahl, Unverträglichkeiten oder Allergien sucht man sich nicht aus. Es ist keine Macke, um sich wichtig zu machen. Es ist eine Entscheidung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Nicht mehr und nicht weniger.

eure FibroFee

PS: Zur Zeit bin ich auf Kur. Wenn ihr wissen wollt, was ich da so mache, dann schaut auf meinen Social-Media-Kanälen vorbei oder lest meine Ankündigung zur Kur

Willst du noch mehr blöde Sprüche zum Thema Fibromyalgie hören? Dann schau in meinem Bullshit-Bingo vorbei.

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[1] Außerdem spielt noch das enterische Nervensystem bei der Verdauung eine Rolle. Sie wird nicht ausschließlich von Sympathikus und Parasympathikus gesteuert. Das nur am Rande

One Reply to “BSB Vol. 11 – Was kannst du denn noch essen?!”

  1. Tja, ist schon ein geiles Thema diese Fibro 🙂

    Ich bin ja selber betroffen, vermutlich schon über 20 Jahre, denn sooooo lange habe ich die diversen Beschwerden welche natürlich nie ernst genommen wurden bis ich vor 5 Jahren an einen Arzt geriet der das von selber in den Raum stellte und dem auf dem Grund ging.

    Seitdem ist die Fibro auch diagnostisch gesichert.

    Das leidige Thema Essen, spielt schon viele Jahre also eine große Rolle und immer bekam ich zu hören“ach du spinnst ja“, „mach nicht so ein gewesen, hat dir sonst auch nicht geschadet“ usw. dennoch habe ich es immer so gehalten wie ich mich gefühlt habe und wo ich war.

    Inzwischen steht auch fest das ich (wie viele andere) eine Laktose-, Fructose-, Sorbit- und Kuhmilchunverträglichkeit habe.

    Heute geht mir das Gelaber am Ar… vorbei und ich mach es wie ich es brauche und aktuell für richtig halte.
    Die einen fragen vorher die anderen bleibe auf ihrem Essen eben sitzen….mir egal geworden.
    Wenn ich zu Hause bin, kann ich unvernünftig sein und weiß wann ich aufhören muss und was mir blüht. Aber da bin ich zu Hause und ausser meine Frau dann keiner da.

    Unterwegs soll jeder machen was er mag und ich tu das meine, ob es wem passt oder nicht.
    Intoleranz muss man manchmal mit Ignoranz begegnen um Akzeptanz zu finden.

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