BSB Vol. 12 – Wart’s ab, bis du in die Wechseljahre kommst, DAS sind Schlafstörungen

Varianten: „Wart’s ab, bist du ein Kind bekommst, DAS sind Schlafstörungen.“, „Ich kann auch oft nicht einschlafen, mir hilft Lavendel!“, „Jeder schläft mal schlecht.“, „Schlafstörungen? Gibt es etwas, was Sie gerade sehr beschäftigt?“

Ach ja, der Schlaf. Schlafen tut jeder. Darum ist das wieder mal so ein Thema, bei dem jede*r meint Experte zu sein. Das ist aber selten der Fall, möchte ich meinen. Was ich schon für dämliche Sprüche, Ratschläge und Reaktionen zu dieser Thematik bekommen habe…. ich könnte einen ganzen Erzählband voll gruseliger Schlechte-Nacht-Geschichten darüber schreiben. Aufregung und Schlafentzug wären garantiert.

BEKANNTE URSACHEN FÜR SCHLAFSTÖRUNGEN BEI FIBROMYALGIE

Nun können Schlafstörungen ja bekanntlich viele Ursachen haben. Einige Gründe, die bei Fibromyalgie zu schlechtem Schlaf führen, sind bekannt. Wie ich bereits schon in anderen Artikeln (Was kannst du denn noch essen | Einfach mal entspannen) erklärt habe, ist nachgewiesen, dass bei Fibromyalgie von bestimmten Neurotransmittern zu wenige vorhanden sind. Dies gilt etwa für die Stoffe L-Tryptophan und Serotonin, die der Körper braucht, um wiederum das Schlafhormon Melatonin herstellen zu können.

Ein großes Problem, was den Schlaf betrifft ist auch, dass bei Fibromyalgie der Tiefschlaf gestört ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass er mitunter ganz fehlt. Diese Schlafphase ist jedoch besonders wichtig für die Regeneration und Forscher vermuten, dass die Muskelschmerzen entscheidend mit dem gestörten Schlaf zusammenhängen. Zudem gehen Schätzungen davon aus, dass die Mehrheit der Fibromyalgie-Patienten (50-80%) auch am Chronic Fatigue Syndrom (CFS) leidet.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass die Fibromyalgie einer der Killer schlechthin für erholsamen Schlaf ist. Es fehlen bereits wichtige Stoffe, die der Körper braucht, um überhaupt genügend Schlafhormone produzieren zu können. Darum ist die Botenstofftherapie eine häufig angewandte Behandlungsmethode, die zwar Linderung, aber keine Heilung verschaffen kann. Hinzu kommen häufig noch starke Schmerzen. Und das mit denen der Schlaf zur echten Herausforderung werden kann, sollte einleuchten.

HERR LASS SCHLAF VOM HIMMEL FALLEN – ODER EIN PAAR MAULSPERREN

Sicher, es sind noch andere Faktoren wichtig für unseren Schlaf. Auf die möchte ich hier gar nicht weiter eingehen. Es sollte jedoch klar geworden sein, dass der gestörte Schlaf eines der Hauptprobleme bei Fibromyalgie ist. Die allermeisten Fibros wachen, selbst wenn sie geschlafen haben, danach wie gerädert auf und sind den ganzen Tag erschöpft. Dabei handelt es sich nicht um einfache Müdigkeit, sondern um eine bleierne Erschöpfung, auch Fatigue genannt (mehr dazu in einem spätere Artikel). Ärzte sagen, dass ein gesunder Mensch dem Gefühl nahekommen kann, indem man ihm den Schlaf für drei Tage entzieht – so viel dazu.

Aus all diesen Gründen lieben wir Fibros Sprüche und Tipps so sehr, die unser Schlafverhalten betreffen. Für mich lassen sich die Reaktionen verschiedenen Typen zuordnen. Und hier kommt meine Typologie der Sandmännchen-Meisterschüler.

TYP 1: DIE VERZERRTEN VERGLEICHE

Wie ich diese Vergleiche liebe, die auf so unfassbar unreflektierten Denkfehlern beruhen. In diese Kategorien fallen die Sätze: „Wart’s ab, bis du in die Wechseljahre kommst, DAS sind Schlafstörungen.“ oder „Wart’s ab, bis du ein Kind bekommst, DAS sind Schlafstörungen.“ Den Satz mit den Wechseljahren hörte ich als Erwiderung auf meine Erzählung über die schlimmste Phase von Schlaflosigkeit, die ich bisher durchgemacht habe. Damals war mein vegetatives Nervensystem, genauer der Sympathikus, wochenlang auf Dauerfeuer eingestellt. Ein Medikament, das ich abgesetzt hatte, hatte mich körperlich abhängig gemacht und ich musste durch einen Entzug. Die Folge: ein Gefühl, als hätte dich gerade jemand erschreckt und du bist bereit zur Flucht – sechs Wochen lang. Das Wort „Schlafstörung“ beschreibt den Zustand in dem ich war nicht im Mindesten und ich bin diesbezüglich wahrlich kein Frischling.

Und dann so ein Satz – bam, in your face. Ich zweifel‘ gar nicht dran, dass in den Wechseljahren oder nach der Geburt eines Kindes Schlaf ein Luxusgut sein kann. Und verdammt nochmal, JA, ICH WEIß SEHR GUT WIE SICH DAS ANFÜHLT! Genau darum fühle ich mit dir und spar mir besserwisserische Sprüche oder verharmlose deine Lage. Versteht mich nicht falsch – ich finde es durchaus nachvollziehbar und in Ordnung, wenn man sich da beschwert oder mal drüber jammert. Denn Schlafstörungen sind einfach immer Kacke. Aber das WIE ist es, dass mich hier stört! Es werden Äpfel mit Birnen verglichen und das hilft niemandem weiter.

Der Haken an derlei Argumentationen ist, dass es sich bei diesen Dingen nicht um eine chronische (= lebenslange) Krankheit handelt! Darum sind diese Situationen nicht wirklich vergleichbar. Man weiß, das ist eine Phase, die ist scheiße, glaube ich sofort, aber sie geht vorbei. Es handelt sich in der Regel um normale körperliche Reaktionen, die ist Kacke, man muss da durch, aber es hat ein Ende. Und wenn man ein Kind bekommt, dann hat man sich in den meisten Fällen freiwillig dafür entschieden, schätze ich mal. Nebenbei gesagt haben viele Fibros selbst Kinder und/oder die Wechseljahre hinter sich und kennen auch diese Situationen. Aber stellt euch vor, in meiner Lebensplanung war so etwas wie die Fibro nicht vorgesehen. Und es gibt auch keine Pille dafür. Was sollen mir diese Vergleiche also sagen?!

TYP 2: ALLES HALB SO WILD

Der nächste in der Reihe ist der Typ: „Ach, jeder schläft mal schlecht“. Gerne krönt er seine Aussagen noch mit irgendwelchen Durchhalteparolen, die seine Coolness und Zähigkeit unterstreichen sollen – er würde sich natürlich nie wegen solcher Zipperlein wie schlechtem Schlaf beschweren (außer er bekommt einen Männerschnupfen…). Da wird noch hinterhergeschossen „Tja, nur die Harten komm‘ in Garten“,  „No pain, no gain“, „Ne Kanne Kaffee im Gesicht und die Sache läuft wieder. Schlaf wird eh überbewertet.“ „Also nach nem Powernap in der Lunchtime krieg ich alles gewuppt.“

Ja, du bist ein ganz Toller. Pass bloß auf, dass ich vor lauter Schlafmangel nicht noch stolpere, während deines Powernaps auf deinem Gesicht lande und dann leider vor Übermüdung keine Kraft mehr habe aufzustehen. Sauerstoff wird eh überbewertet.

TYP 3: DIE ALTERNATIVEN HEILMETHODEN

Den Tipp „du musst dich einfach mal entspannen“ lass ich an dieser Stelle außen vor, über den hab ich mich an anderer Stelle schon ausgelassen. Ich bin ja offen für Vieles und probiere gerne Neues, aber manche Ratschläge sind einfach nur absurd. „Probier’s mal mit Lavendel“ ist da noch harmlos. Ernsthaft, Lavendel? Ich liebe Lavendel. Aber wäre es so einfach, würde ich jetzt nicht über dieses Problem schreiben. Mondgestein unterm Kopfkissen, eine Stunde vor dem Abendessen Eigenurin trinken, oder esoterische Tipps wie „Es gibt keine Schlafstörungen, sondern nur Wachstumsmöglichkeiten. Ist dein Ego sehr stark geworden, dann beherrscht es deine Seele und du bleibst einfach wach. Keinesfalls will es zulassen, dass da Dinge außerhalb seines Machtbereiches geschehen.“ – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Letzteres Erklärung habe ich mir nicht ausgedacht sondern tatsächlich im Netz gefunden. Bei solchen Erwiderungen würde mein „Ego“ dafür votieren, sich in tiefen Schlummer stürzen, um solchem Irrsinn zu entkommen.

TYP 4: DIE BESORGTE PSYCHO-NUMMER

Zum Schluss mein Liebling: die besorgte Psycho-Nummer. Bei der läuft es letztendlich immer darauf hinaus, dass das Gegenüber eine psychische Ursache der Schlafstörungen vermutet. Ich hab einen Arzt, der hat diese Nummer in allen Varianten drauf. Er kann sie auch sehr gut getarnt unter dem Deckmäntelchen anderer Fragen verstecken.

Als ich ihn nach monatelangen schweren Schlafstörungen, also schlimmer als sonst, auf Behandlungsmöglichkeiten angesprochen habe, kam er wenigstens auf die direkte Art um die Ecke: „Schlafstörungen? Gibt es etwas, was Sie gerade sehr beschäftigt?“ Himmel, wenn ich auf eins nur noch absolut allergisch reagiere, dann auf den Versuch, meine Beschwerden in die Psycho-Ecke zu stellen! Klar, schlafe ich schlechter, wenn ich Stress habe. Natürlich rauben mir Sorgen mal den Schlaf – wie den meisten anderen Menschen übrigens auch. Und zur Hölle nochmal ja, ich weiß was Schlafhygiene bedeutet und was es dabei zu beachten gilt! Bevor ich überhaupt irgendeinen Arzt um Rat frage, probiere ich alles aus, was ich selbst tun kann und höre in mich hinein. Und wenn ich glauben würde, dass meine Schlafstörungen keine körperliche Ursache haben, dann würde ich verdammt nochmal zu jemandem gehen, der sich damit auskennt!

Als er dann allen Ernstes noch etwas gefaselt hat von „Ja, manche Menschen sitzen abends vor ihrem Bildschirm, sei es der Fernseher, das Smartphone oder der Laptop. Dabei ist es erwiesen, dass das schlecht für den Schlaf ist.“ ist meine Miene wohl derart versteinert, dass er seinen Vortrag ganz schnell wieder abgebrochen hat. Übrigens eine überholte Annahme mit dem Bildschirmlicht, wie Schlafforscher heutzutage sagen. Eine Generalisierung für alle Menschen lasse sich diesbezüglich nicht treffen. Es lief dann letztendlich auf den Versuch mit einem neuen Medikament heraus. Das hat mir in der Tat geholfen, meinen Schlaf zu verbessern. Auch wenn der immer noch weit entfernt von gut oder erholsam ist. Ich bleib dran und werde weiter experimentieren und versuchen, meine ganz persönliche Schlafformel zu finden.

MEIN RATSCHLAG AN DIE MÖCHTEGERN-SANDMÄNNCHEN

An alle da draußen, die meinen, sie seien das Sandmännchen persönlich: nehmt eure Ratschläge und haut sie jemand anderem um die Ohren. Die Kombination von Schlafentzug und Dauerschmerzen macht uns Fibros schon mal zu zombie-artigen Wesen. Und wie wir alle spätestens seit The Walking Dead wissen, fressen Untote gerne Menschenfleisch. Nehmt euch in Acht!

eure FibroFee

Wie reagiert ihr auf solche Reaktionen was eure Schlafstörungen anbelangt? Was waren die schrägsten Tipps, die ihr schon einmal gehört habt? Schreibt mir einen Kommentar hier unten! Mehr von mir gibt’s auf Facebook, Twitter, Instagram und Pinterest. Ich teile dort viele nützliche Infos rund um’s Thema Fibromyalgie und chronische Erkrankung. Folgt mir wenn ihr euch schlau machen wollt. 

Ein Interview mit mir findet ihr übrigens diesen Monat in der aktuellen myself! 

Wenn du keinen Beitrag mehr verpassen willst, dann trag dich jetzt für den Newsletter ein.

PS: Willst du noch mehr blöde Sprüche zum Thema Fibromyalgie hören? Dann schau in meinem Bullshit-Bingo vorbei.

TEILE JETZT DIESEN BEITRAG! Mehr zur Nutzung der Teilen-Buttons und nachfolgender Datenübermittlung findest du in meiner Datenschutzerklärung. Achtung: die Zählerstände neben den Buttons sind wegen der Umstellung auf https NICHT mehr aktuell. Sie liegen deutlich höher.

6 Replies to “BSB Vol. 12 – Wart’s ab, bis du in die Wechseljahre kommst, DAS sind Schlafstörungen”

  1. Hallo ! Vielen Dank für diesen (wieder) tollen Beitrag. Ich habe ein Kind (20) und bin in den Wechseljahren. Bin ganz Deiner Meinung. Es ist kein Vergleich zu diesen verf**** Schlafstörungen.🤬. Und mein Kind war ein Schreikind und einFrühchen . Ja das war die Hölle. Aber nix im Vergleich wenn Du nicht schlafen kannst!!!!
    Mir wurde gestern gesagt: Na wenigstens musst Du nicht daran sterben……😱 Schönes Adventswochenende 🎄Beate , 49

    1. Diese Dinge zu vergleichen macht, denke ich, eben nicht viel Sinn. Sind doch ziemlich andere Umstände. Oha, das ist auch das Totschlagargument schlechthin – und ein sehr dummes dazu. Nicht an etwas zu sterben bedeutet ja schließlich nicht, dass man nicht drunter leidet. Vielleicht sollte man da mal etwas antworten wie: „Na wenigstens hast du das Glück nicht denken zu müssen, bevor du etwas sagst. Das erleichtert das Leben auch ungemein.“ Solche Leute sind es nicht wert.
      Danke, ich wünsche dir auch eine besinnliche und gute Zeit! Liebe Grüße, FibroFee

  2. „Du musst einfach mal früher ins Bett gehen. Kein Wunder, dass Du tagsüber müde bist, wenn Du nachts nicht schläfst.“
    Das ist doch mal glatt einen Versuch wert, was!? *Ironie aus*

    Nach 4 Kindern und den Wechseljahren kann ich nur sagen: kein Vergleich.
    Ich würde gern nochmal ein paar Kinder kriegen, wenn ich dafür nachts wenigstens stundenweise „richtig“ schlafen könnte.

    Dein Blog ist übrigens genial 😉

  3. Wie ich darauf reagiere? Soweit kommt es in der Regel gar nicht mehr. Ich habe es mir abgewöhnt, mich zu erklären und wie schon mal an anderer Stelle geschrieben habe ich es mir erst Recht abgewöhnt, Verständnis zu erwarten. Seitdem komme ich viel besser klar. Und wenn es doch mal dazu kommt dass ich sage „hatte eine schlechte Nacht“ und mein Gegenüber sagt „kenn ich“ oder erzählt ausschweifend von SEINER letzten Nacht, dann lasse ich das einfach so stehen und gut. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis, Gesunden meine Situation zu verdeutlichen. Ich tausche mich diesbezüglich nur noch mit Leuten aus, die das entweder nachvollziehen können (z.B. weil sie selbst betroffen sind) oder die verständnisvoll genug sind. Mit einem „0815“ Arzt (also einer, der sich mit Fibro nicht wirklich auskennt) macht es auch keinen Sinn, solche Dinge zu vertiefen. Nach vielen Jahren habe ich zum Glück endlich einen Arzt gefunden, der versteht, dass bei Fibro alles anders ist. Aber auch dort gehe ich nur hin, wenn es wirklich nötig ist. Was soll ich auch da? Der kann mir sowieso nicht helfen.

    Fairerweise muß ich aber auch sagen, dass es mir längst nicht mehr so schlecht geht wie früher mit der Fibromyalgie. Auch mein Schlaf hat sich durch verschiedene Maßnahmen gebessert, sogar ausreichend gebessert.

    Aber Dein Beitrag hat mich inspiriert für einen neuen Videobeitrag im nächsten Jahr auf meinem Therapieblog 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.