BSB Vol. 13: „Boah Arbeiten/Sport war so anstrengend! Aber du hast ja keine Ahnung wie das ist.“

Varianten: „Wenn du wüsstest, wie anstrengend so ein Training ist!“, „Du kannst ja keine Ahnung haben. Was machst du denn schon für eine Arbeit/einen Sport?!“

NEUES JAHR, NEUES GLÜCK

Bevor es mit dem nächsten Bullshit-Bingo-Text losgeht möchte ich euch allen von Herzen ein gutes Neues Jahr 2018 wünschen! Auf einen Jahresrückblick verzichte ich. Nur so viel: mein Jahr 2017 war durchwachsen. Meine Gesundheit hat sich dauerhaft im vernebelten Tal der Fatigue verirrt, trotzdem haben mich viele Lichtblicke erreicht, die maßgeblich mit diesem Blog zu tun haben. Mich schreibend mit alldem auseinanderzusetzen, war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte. Ich möchte ein riesengroßes Dankeschön an alle raus schicken, die hier lesen, kommentieren, teilen und sich mit mir austauschen. Für mich und für viele von euch, ist es präsenter als für andere, dass wir nicht wissen, was kommen wird und wie es weitergeht. Das anzunehmen und ruhig einen Schritt nach dem anderen zu tun, das finde ich alles andere als einfach. Ich übe noch. Ich wünsche euch für 2018, dass ihr nicht ins Straucheln geratet, genug Kraft für den Abenteuerparcours „Körperwelten“ habt und wenn ihr doch einmal volle Lotte im Dreck landet, mit Lachen den Staub abklopft und erhobenen Hauptes weitergehen könnt.

BULLSHIT-BINGO VOL. 13

Die Wurzel oben genannter Sprüche liegt meiner Ansicht nach in zwei Dingen: erstens, dem Grundproblem, dass Menschen vom Aussehen einer Person automatisch auf ihr Befinden schließen. Dass das bei jemandem mit einer unsichtbaren Erkrankung nur in dies Hose gehen kann, ist klar. Damit habe ich mich schon in mehreren Texten beschäftigt (etwa BSB Vol. 1). Zweites Problem ist, dass hier wieder einmal Äpfel mit Birnen verglichen werden. Leute schließen automatisch von ihrer Erfahrung als gesunde Menschen auf die von chronisch Kranken und kommen dann etwa zu so dämlichen Schlüssen wie, dass wir es ja gut hätten, wenn wir den ganzen Tag im Bett liegen. Klar, und ein Krankenhaus ist eigentlich eine riesige Partyzone – da werden dann nicht Tanzflächen sondern Bettpfannen gerockt. Und gegen die Drogen dort, kann jedes Technofestival einpacken. Supi.

In einem anderen Artikel erkläre ich, was den Alltag als chronisch kranker Mensch ausmacht (BSB Vol. 3 und Spoon-Theorie). Kurz gesagt, ist es eine ziemlich anstrengende Angelegenheit, die einem oft viel Disziplin, Kraft, Nerven, Mut, mentale Stärke, Hartnäckigkeit und Planung abverlangt. Eine lebenslange Erkrankung ist eine wahre Lehrmeisterin in diesen Disziplinen. Und eine strenge dazu – sie lässt nämlich nicht locker. Sie zwingt mich bestimmte Lektionen zu lernen und durchzuziehen, egal ob ich will oder nicht. Ich gebe mein Bestes und versuche eine gute Schülerin zu sein.

Eines der Hauptsymptome bei Fibromyalgie, neben den diversen Schmerzzuständen, ist die anhaltende Erschöpfung, die oft so stark ist, dass sie als „Fatigue“ bezeichnet wird. Also wenn eine Ahnung hat von Erschöpfung, dann bin das ich.

„Warum ich trotzdem stärker bin als so manches Muskelpaket? Weil ich jeden Tag enorme Willenskraft aufbringe, um überhaupt aus dem Bett aufzustehen. Das ist die größere Herausforderung, denn ich kann es mir nicht aussuchen.“

WIE ICH NACH EINEM SCHLAG MIT DER DU-SIEHST-GAR-NICHT-KRANK-AUS-KEULE DEN HYSTERISCHSTEN LACHANFALL MEINES LEBENS BEKAM

Wenn ich an die Geschichte denke, die ich euch jetzt erzähle, schlägt mein Herz immer noch höher und manchmal kocht die Wut noch in mir hoch. Es war vor knapp zwei Jahren. Ich war abends auf einen Geburtstag eingeladen. Eine ganze Reihe der Anwesenden hatte an diesem Tag die letzte Prüfung ihres Examens hinter sich gebracht und schwankte demnach zwischen „Parteyyyyyyy!“ und „Ich will nur noch in’s Bett“. Ich hatte mich nach Monaten mal wieder zu etwas aufgerafft, was andere in meinem Alter jedes Wochenende tun – etwas, das zumindest von außen so aussieht wie „feiern“. So viel zur Vorgeschichte.

SPOONIE-SPAGAT MIT GIN TONIC

Wir stehen im Wohnzimmer in kleinen Gruppen zusammen. Es herrscht gedämpftes Licht und Muffins, Chips und Gläser voller alkoholischer Getränke stehen auf allen Ablageflächen. Die Examinanten dünsten den letzten sauren Angstschweiß aus. Ein paar betäuben sich schon gepflegt mit Cocktails, in denen mehr Alkohol als sonst was schwimmt. Aus den Lautsprechern schallt Musik. Keine Abriss-Party-Mucke, sondern solche, zu der man sich noch unterhalten kann. Wir sind schließlich keine Erstis nach der Einführungs-Klausuren-Phase. Im Nachhinein wäre mir ne musikalische Dröhnung doch lieber gewesen, als die verbale, die mir gleich in mein Gesicht schlagen sollte.

Ich unterhalte mich mit Bekannten in einem Dreiergrüppchen. Zur Feier des Tages – ich feiere den Versuch einmal wieder das Feiern zu versuchen – habe auch ich mir einen dieser angesagten Gin-Cocktails mixen lassen. Mit wenig Gin, dafür ordentlich Gurke. So viel Gesundheitsbewusstsein muss sein. Der Geruch der Gurke erinnert mich an den Sommer. Zum Glück finden wir Gesprächsthemen abseits von Unikram, Lernplänen und Karriereplanung. Dinge, die bei vielen der Anwesenden gerade sehr hoch im Kurs stehen. Das Einzige, was ich derzeit plane sind meine Arzttermine und meine wenige Energie so einzuteilen, dass ich halbwegs gut über die Runden komme. Der physische und mentale Spagat zwischen Krankheitsbewältigung, Studium und schlichtweg „leben“ hat mich ganz neue Perspektiven einnehmen lassen. Perspektiven, die mitunter so weit entfernt von denen meiner Altersgenossen sind, dass ich mich wahlweise sehr alt fühle oder wie eine Bewohnerin aus einem Paralleluniversum.

EIN PARTYGESPRÄCH

„Na, wie sieht’s aus: geht ihr nachher noch mit in die Stadt?“, fragt Anne irgendwann.

„Joa, mal schauen. Kommt drauf an wohin“, antworte ich. Mein Vorteil: egal wohin in der Stadt es geht, ich kann praktisch immer zu Fuß nach Hause abhauen, wenn es mir zu viel wird. Mein Partyquotient liegt übrigens trotzdem bei minus 3000.

„Ach, ich weiß nicht. Examen und so, war schon anstrengend. Vielleicht geh‘ ich auch einfach nur ins Bett.“, erwidert Michi, der dritte in der Runde.

Michi ist ein ziemlicher Schrank. Er ist der Typ Mann, der sich immer und überall mit allen messen muss. Egal ob im Studium oder auf dem Sportplatz. So einer, der in einer ruhigen Woche nur drei Mal ins Training geht. Einer, der, wenn er den Raum betritt, erst mal alle brüllend begrüßt und im Gespräch alle anderen übertönt. Er besteht quasi aus den Themenkomplexen Studium/Büffeln/Karriere und Sport gucken/Sport machen. Sein Leben ist ein einziger Wettkampf. Zum Entspannen guckt er einen Actionfilm und trinkt dabei Gatorade mit Red Bull. Ok, ist jetzt nur so ne Phantasie von mir. Aber ich denke, das Bild wird deutlich.

„Hey man, Michi! Du hast es jetzt geschafft! Du hast es hinter dir, das muss doch gefeiert werden!“, stimmt Anne fröhlich ein.

„Stimmt schon Michi. Komm, das hast du dir verdient. Kannst ja dann immer noch heimgehen“, starte ich einen Versuch der Aufmunterung.

„Ja, Michi, komm schon! Ich bin extra gekommen, lass uns nachher tanzen gehen!“, animiert Anne weiter.

„Ah, ich weiß nicht. Ich war nach der Klausur noch zwei Stunden trainieren. Hab das volle Programm durchgezogen heute.“

„Bitte Michi, komm schon. Das wird lustig! Hier gibt’s sicher noch Kaffee und dann wird das schon. Komm, wo willst du hingehen?“, wieder Anne.

„Komm Michi, nur ne Runde. Die anderen sind auch müde. So ewig geht das heute eh nicht.“, werfe ich noch ein.

Da verdüstert sich Michis Miene schlagartig.

DAS ERWACHEN DES HULK UND DER HYSTERISCHEN HYÄNE

 „Man ey, ich hab heute so hart trainiert! Und das nach der Klausur! Ihr habt doch keine Ahnung von Training! Was wisst ihr denn schon?! Was macht ihr den schon an Sport, hä? Was weißt du schon?“. Während er das sagt mustert er mich von oben herab.

Ich bin kurz fassungslos über diesen hämisch-wütenden Ausbruch. Auch Anne neben mir hat es die Sprache verschlagen. In mir fangen die Gedanken an zu wirbeln. Da steht ein Typ vor mir, der eigentlich weiß, dass ich krank bin. Der zumindest am Rande mitgekriegt hat, dass ich für eine Weile weg vom Fenster namens „Studium“ war, dass ich einen Krankenhausaufenthalt und eine Kur hinter mir habe. Aber wieder mal ist das nicht angekommen. Wieder einmal werde ich aufgrund meines Aussehens und meines Alters in eine Schublade gesteckt und obendrein noch für faul oder nicht willensstark genug gehalten, um meinen „Body“ gefälligst mittels Fitnessstudios und Trendsportarten regelmäßig zu stählen. So wie schließlich alle anderen auch, die es in ihrem Leben zu etwas bringen wollen.

Aber er ist nicht der Einzige, der hier jähzornig sein kann. In mir steigt die Wut so schnell auf, dass ich überzuschäumen drohe. Selbst wenn er gar nichts über mich wüsste, fände ich es ziemlich sackgesichtig, dass er nur aufgrund meines Äußeren darauf schließt, ob ich Sport, bzw. „richtigen“ Sport mache. Und daran dann zu bemessen, ob ich mit meinen, für seine Begriffe vielleicht zu undefinierten Gliedmaßen, überhaupt einen Hauch einer Ahnung habe, was das Wort „Anstrengung“ überhaupt bedeutet. Der Einzige Beweis für solche Leute, dass man so etwas wie Willen, Leistungsbereitschaft oder Zielstrebigkeit besitzt – und darauf kommt es schließlich an –  ist ein Körper, der von Schweiß, Blut und Tränen zeugt, die wir uns beim Sport abgerungen haben. Dass es auch noch andere Situationen gibt, in denen wir Schweiß, Blut und Tränen lassen können, die auf unserem Körper weniger sichtbare Spuren hinterlassen und mindestens genauso zehrend sein können – auf solche Gedanken kommen die gar nicht.

Ich stehe also da, der kleine Gin-Pegel in meinem Blut tut sein Übriges. Ich bin kurz davor diesem arroganten Troll vor mir genau das alles ins Gesicht zu schnauben. In diesem Moment verlasse ich meinen Körper für den Bruchteil einer Sekunde. Im Raum mit uns sind noch zwanzig andere Leute, von denen ich über die Hälfte überhaupt nicht kenne. Ich sehe mich selbst über der Partymeute schwebend, den Troll anbrüllen und diese ganzen verdammt dumm dreinschauenden Gesichter, die mich dabei anglotzen.

Und dann muss ich lachen. Ich muss so lachen, dass ich mich buchstäblich krümme. Ich kriege gerade noch ein „Der war gut!“ über die Lippen, schnappe mir mein Glas und kippe mir den Rest des Inhalts in den offenen Mund. Hilft aber auch nichts. Zu wenig. Ich lache weiter, ganz hysterische Hyäne, mir kommen die ersten Tränen. Dem Troll fällt fast das Gesicht auf den Boden, das nun eine Farbe anzunehmen droht, wie kurz nach dem Saunaaufguss in seinem Fitnessclub.

SORRY NOT SORRY

Ich presse etwas hervor wie „brauch Nachschuhuhuhub“, und wanke zusammen mit meinem leeren Glas zurück in die Küche. Zum Glück ist sie leer. Ich gackere weiter und japse nach Luft. Ich kann immer noch nicht aufhören zu lachen. Mit zittrigen Fingern schnappe ich mir die nächste Flasche Hochprozentiges, schütte es über die Gurken in meinem Glas und werfe noch ein paar Eiswürfel oben drauf. Kurz darauf betritt jemand die Küche und fragt, ob mit mir alles in Ordnung ist. Ich sage „ja“ und wische mir noch ein paar Lachtränen aus dem Gesicht. Nach dem ersten ordentlichen Schluck steuere ich zurück ins Wohnzimmer. Bevor ich dort ankomme, rauscht Muskel-Michi ohne mich eines Blickes zu würdigen an mir vorbei und schlägt die Wohnungstür hinter sich zu.

„Was war das denn?“, frage ich.

„Der Michi ist ganz plötzlich abgehauen. Hat keine Lust mehr.“

Oh, der war wohl k.o.“, muss ich schmunzeln und genehmige mir noch einen Schluck. Da war aus Muskel-Michi doch eher ein Mimi-Michi geworden. Denn wenn Yuppie-Trolle eins nicht vertragen, dann ist es, wenn sie für ihre großartigen Leistungen nicht bejubelt werden. Sorry, not sorry.

eure FibroFee

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PS: Willst du noch mehr blöde Sprüche und meine Reaktionen zum Thema Fibromyalgie hören? Dann schau in meinem Bullshit-Bingo vorbei.

2 Replies to “BSB Vol. 13: „Boah Arbeiten/Sport war so anstrengend! Aber du hast ja keine Ahnung wie das ist.“”

  1. Hallo FibroFee,
    danke für diesen erfrischenden Artikel!
    Mein Kopfkino ging sofort an und ich habe herzhaft gelacht.
    Echt super, wie du den Muskelmichi verbal in den Boden gerammt hast, gratuliere!

    Liebe Grüße, Lili

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