BSB Vol. 3: Ich bin auch total fertig. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und dann noch zwei Stunden Sport gemacht.

Varianten: Diese Sätze werden auch gern ergänzt durch detaillierte Zeit- und Maßangaben und können beliebig erweitert werden: „Ich habe 8 Stunden gearbeitet, dann habe ich mich 2 Stunden mit Freunden getroffen, dann war ich Einkaufen und noch 10 km joggen. Ich bin so fertig!“

IHR MÜSST JETZT STARK SEIN

Ja, hm, Leute, ich weiß jetzt nicht, wie ich es euch schonend beibringen soll. Aber einer muss euch mal die Wahrheit sagen. Bitte setzt euch hin und atmet tief durch. Wenn man den ganzen Tag arbeitet, Erledigungen macht, Leute trifft und sich bewegt, dann ist es ganz NORMAL, fertig und abgeschlagen zu sein. Ja, auch ein junger und gesunder Körper braucht Ruhe, Pausen, Schlaf und Zeit für Regeneration. Nur bekommt ihr die meiste Zeit, zum Glück, kaum etwas davon mit. Aber auch eure Energievorräte sind begrenzt. Puh, jetzt ist es raus!

Jemandem mit Fibromyalgie, den kleinste und alltäglichste Verrichtungen erschöpfen (siehe Spoon-Theorie!), jemandem, der am Ende des Tages müde und abgeschlagen ist von einem Arbeitspensum, das andere in zwei Stunden erledigen und ihm aufzuzählen, was einen an seinem vollgepackten Tagesplan so ermüdet hat, ist unangebracht und taktlos. Wie auch all‘ die anderen Sprüche aus dem Bullshit-Bingo. Und für Spoonies vor allem frustrierend. Es ist schon schwer genug, täglich nicht daran zu verzweifeln, dass man eben mit ganz anderen Energiemengen haushalten muss, als gesunde Menschen. Das ist wirklich nicht einfach. Auch so kommt man nicht umhin sich doch ab und zu mit anderen zu vergleichen, die Unterschiede zu sehen und sich dabei zu wünschen einfach ein „normales“ Leben zu führen. Was würde ich dafür geben, mich den Tag über abrackern zu können, um DANN zu sagen, dass ich fix und alle bin…? Aber man entwickelt Strategien damit klarzukommen. Das Leben geht weiter.

Wenn ich dann aber gefragt werde, wie es mir geht und ich antwortet etwas wie „Naja, ich bin ziemlich fertig und hab‘ nicht viel auf die Reihe gekriegt heute“ und mein Gegenüber reibt mir seinen stressigen Arbeits- und Freizeitalltag unter die Nase – das fühlt sich ziemlich beschissen an. Das heißt natürlich nicht, dass nicht jeder das Recht hat, von einem zehrenden Tag müde und erschöpft zu sein. Oder dass ich die Leistung, die der Andere erbringt, nicht anerkenne. Es ist völlig logisch, verständlich und natürlich, dass stressige Zeiten auch an jemandem, der gesund ist, nicht spurlos vorbeigehen. Doch das ist eben genau der springende Punkt: es ist normal und natürlich, die logische und absehbare Konsequenz. Viel Arbeit bedeutet viel Energieaufwand, was wiederum zu Ermüdung und Erschöpfung führt. Eigentlich eine ganz einfach Rechnung.

Der direkte Vergleich – eine No-Win-Situation

Apropos Rechnung. Einen solchen Satz gegenüber jemandem rauszuhauen, der mit chronischer Erschöpfung zu kämpfen hat, ist ungefähr so passend, als würde man zu einem Grundschüler, der gerade mühselig die Grundrechenarten paukt gehen, neben ihm eine komplizierte Kurvendiskussion führen und am Ende sagen: „Meine Herren, das war jetzt aber knifflig!“. Ich hoffe, es wird langsam klar, worauf ich hinaus will. Für alle zwei ist die jeweilige Aufgabe schwierig zu bewältigen. Ein direkter Vergleich wirkt jedoch grotesk und lässt einen der beiden als unfreiwilligen Verlierer dastehen.

Wie viel bin ich noch wert?

Dass in Zeiten der Leistungsgesellschaft ja besonders die „wertvollen“ (?!) Mitgliedern mit Aufmerksamkeit, Materiellem und Status belohnt werden, die sich scheinbar unermüdlich und ohne Rücksicht auf die eigene Schmerzgrenze zu immer mehr Leistung peitschen, als harte Nüsse beklatscht und bewundert werden und allzu häufig als Vorbild dienen, sei hier nur am Rande erwähnt. Da verwundert es leider nicht, wenn solche, die nicht mithalten können oder wollen, als soziale Verlierer dastehen.

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Was könnte man stattdessen in so einer Situation zu seinem Gegenüber mit Fibromyalgie oder chronischer Erkrankung sagen?

Alternativen

Wie wäre es, erst einmal mit Verständnis oder Mitgefühl zu reagieren. Ein „Ich verstehe“, „Das hört sich anstrengend an“, „Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst“ oder „So ein Mist aber auch!“, wären nur einige Möglichkeiten. (Auch hier gilt wie immer: bitte kein überschwängliches Mitleid ausschütten.) Um seinen eigenen Zustand auszudrücken wären Sätze wie „Ich brauch jetzt auch mal ´ne Pause“, „Ich bin auch total erledigt“ oder „Ich bin heute auch nicht mehr zu viel zu gebrauchen. Lass uns gemeinsam ´was Ruhiges machen“, wären meine Vorschläge. Aber bitte nicht als Erwiderung auf so einen Satz einen mündlichen, detaillierten time sheet vom Stapel lassen. Außer man wird danach gefragt. Auch ohne das ist nämlich jedem Spoonie im Normalfall klar, dass der oder die Andere einen wesentlich volleren Tag hinter sich hatte und das zu wissen ist nicht unbedingt toll, aber es ist eben so.

Dass beides gleich anstrengend sein kann und es ganz schön frustrierend ist, sich so etwas von jemandem anzuhören, der die WAHL hat und dafür noch einen – wie auch immer gearteten Ausgleich (Geld, Anerkennung etc.) bekommt –, wenn man es sich eben nicht aussuchen kann, ob man diese Anstrengung nun Tag für Tag auf sich nimmt, das sollte hoffentlich klar geworden sein.

Einen kleinen Ausblick zum Abschluss. Wie hat es eine kluge junge Frau bei einem unserer Spoonie-Treffen ausgedrückt? „Wenn die mal alt werden und anfangen zu jammern und uns zu fragen ,Wie machst du das bloß? Wie kriegst du das alles auf die Reihe, so mit deinen ganzen Einschränkungen? Wie soll das funktionieren?‘ Dann können wir sagen: wir wissen schon wie’s geht, wir kommen klar! Dann werden sie so scharf sein auf unsere Tipps und Tricks, dass sie dafür bezahlen wollen!

In diesem Sinne, haltet eure Löffel steif!

eure FibroFee  

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8 Replies to “BSB Vol. 3: Ich bin auch total fertig. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und dann noch zwei Stunden Sport gemacht.”

  1. Hallo ihr lieben, ich habe es schon lange aufgegeben mich bei anderen rechtfertigen zu wollen oder ihnen klar zu machen dass ihre normalen wehwehchen irgendwann heilen. Sollen sie doch denken ich wäre eine faule und verwöhnte Hausfrau. Natürlich nagen auch an mir Selbstzweifel, wie zB. Wer stellt mich ein,wie lange wird mein Mann sich noch liebevoll um mich kümmern wenn es mir schlecht geht ….. Ich denke wir fibros haben genug mit uns selbst zu tun, wir haben es nicht nötig uns bei anderen zu rechtfertigen. Das mit der Bewegung kann auch nur von Theoretikern kommen. Haben einen großen hund der seine langen Spaziergänge braucht, er macht ja nicht in den Garten. Manchmal wird das auch zur qual, gehen zu müssen. Wir werden hin gestellt als wären wir alle fett, faul und gefräßig, dabei werden die meisten von uns, wie auch ich, ihr leben lang genug Bewegung vor der Erkrankung gehabt haben. Naja, wir das sind, mein Mann, mein pupatärer Sohn und ich, versuchen es oft mit Humor zu nehmen. Wir lachen über dinge, die ich im fibro Nebel gemacht habe, wenn meine Hände wieder nicht machen was sie sollen, sage ich Achtung grobmotoriker im Haus, ich mache bei Olympia nicht mit, weil die anderen sonst keine Chance haben, bin nicht so schnell weil geblitzt wird, usw …. Sie wissen aber auch wann sie mich in Ruhe lassen müssen. Klaro, habe ich auch Momente in denen ich gerne vor ne wand fahren würde vor schmerzen, und nur nicht weiß welches Auto besser geeignet ist.
    Danke für diesen tollen blog, weiter so.

    1. Liebe Tanja, da sagst du wahre Worte. Rechtfertigen sollte man knicken. Ein gute Portion „Leckt-mich-am-Arsch-Attitüde“ ist da gar nicht schlecht :P. Und klar, wir fressen und bewegen uns den ganzen Tag nicht, damit wir immer genug zu jammern haben und bloß keinen „normalen“ Alltag haben ;). Schön, dass ihr drei es mit Humor nehmt. Danke dir und viele liebe Grüße. PS: Ich würde das Bobbycar nehmen 😛

  2. Einen Wunsch zu äußern, bei dem man ganz genau weiß, dass dieser nie in Erfüllung geht, nie in Erfüllung gehen kann, ist ….
    Ist das wirklich idiotisch?
    Ich sehne mich nach der einstigen aktiven Zeit. Zu gern möchte ich mich für zwei Stunden auf mein geliebtes Rad schwingen und strampeln oder einfach meinen Ehrgeiz spüren und mit den Männern mithalten wollen, wenn sie trainieren.
    Das ist nur ein kleiner einstiger Teil von mir, der mir sooo gut tat.
    Gestern stand ich keine volle Stunde in der Küche, zupfte Salat und schnippelte Gemüse und brauchte dringend eine Ruhepause, weil ich fix und alle war!
    Fibromyalgie – ein gemeines Schicksal!

    1. Nein, das ist sicher nicht idiotische sondern wohl eher eine Überlebensstrategie ;-).
      Das kann ich total nachvollziehen! Auch für mich sind solche alltäglichen und scheinbar einfachen Tätigkeiten immer sehr ermüdend.
      Schön, dass du hier her gefunden hast! 🙂

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