BSB Vol. 8: „Du musst einfach positiv denken!“

Varianten: „Du bist immer so negativ.“, „Denk doch mal positiv.“, „Probier’s mal mit Positivem Denken.“ „Anderen geht’s noch viel schlechter, sieh’s doch mal positiv.“

VOM ZWANG DER GUTEN LAUNE

Wie ihr vielleicht schon aus meinem Artikel über die Jammerpilger („Boah, ich weiß wie du dich fühlst! ….“) wisst, bin ich kein Freund der Sorte Leute, die sich ständig in ihrem eigenen Elend wälzen müssen. Ständiges Jammern, Schwarzmalerei und die Schuld stets auf Andere – wahlweise Ärzte, die Familie, das System oder das fliegende Spaghettimonster  – abzuschieben, ist für mich nichts, was mir im Umgang mit meiner chronischen Erkrankung besonders hilfreich erscheint.

Was mich aber fast genauso nervt sind Leute, die meinen, mir sagen zu müssen, dass mein Problem hauptsächlich darin bestünde, dass meine Herangehensweise oder meine Einstellung schlicht und einfach zu negativ wären. Ganz nach dem Motto: „Wenn man so denkt, dann KANN man ja gar nicht gesund werden!“. Wenn ich schon an solche Vereinfachungen und bescheuerten Rückschlüsse denke, dann möchte ich diesen Menschen am liebsten eins mit der Bratpfanne überziehen und wenn sie sich dann über die Schmerzen beklagen sagen: „Na, na, na! Du darfst das nicht so negativ sehen, dann tut’s auch gleich viel weniger weh!“

Dass diese Art Gute-Laune-Zwang weit verbreitet ist, sieht man schon, wenn man in die Regale der Selbsthilfe-Abteilungen der Buchhandlungen schaut. Dort findet man Ratgeber über Ratgeber zum Positiven Denken. In diesem Beitrag möchte ich einmal darauf aufmerksam machen, dass ein unreflektierter Umgang mit dem Thema, gerade für Menschen mit schweren und/oder chronischen Erkrankungen, auch üble Folgen haben kann.

DIE GEFAHREN DES POSITIVEN DENKENS

Ich bin natürlich und zum Glück nicht die Erste, der das auffällt. Die erste umfassende Kritik am Konzept des positiven Denkens kam 1997 vom deutschen Psychotherapeuten Günter Scheich. Er schrieb das Buch mit dem, zugegeben etwas zugespitzten Titel: „Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen“. (Hier ein Interview mit Günter Scheich zum Thema „Glück“).

Mittlerweile wurden in zahlreichen Experimenten nachgewiesen, dass Positives Denken durchaus negative Folgen haben kann. So wies etwa eine Gruppe um die US-Psychologin Joanne Wood nach, dass Autosuggestion bei Probanden mit weniger ausgeprägtem Selbstbewusstsein die Stimmung deutlich verschlechterte.

Psychotherapeuten und Psychiater warnen auch davor, dass depressive und labile Menschen durch die Methode „Positives Denken“ weiter zu Schaden kommen können. Ein Problem dabei ist, dass dabei die Gefahr besteht, einen Realitätsverlust auszulösen. Besonders dann, wenn dabei kritisches Denken und Hinterfragen unterdrückt und vermieden werden. Der Zwang, die Welt immer durch die rosarote Brille zu betrachten, ist nichts anderes als eine Verdrängungsstrategie, die dem Leben mit seinen Höhen und Tiefen nicht gerecht werden kann. Denn es gibt viele Situationen, in denen vermeintlich negatives Denken Sinn macht.

NICHT JEDES NEGATIVE DENKEN IST SCHLECHT

Dazu muss man sich nur mal überlegen, was in einer Psychotherapie passiert. Der Patient setzt sich mit der Unterstützung des Therapeuten mit den Erlebnissen auseinander, die ihn belasten. Das sind eben solche, die mit negativen Gefühlen und Gedanken assoziiert sind. Psychotherapie-Schulen aller Art arbeiten mit einer derartigen Herangehensweise. Und dabei geht es nicht darum, Dinge schönzureden oder alles Negative aus seinem Leben vergessen zu wollen.

Bei der Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen und Erkrankungen geht es darum, Gefühle erst einmal wahr- und anzunehmen. Und zwar ALLE Gefühle, auch die negativen. Die jahrzehntelange Erfahrung in der Psychotherapie und Studien haben gezeigt, dass diejenigen, die sich mit ihren unangenehmen Gefühlen auseinandersetzen, ihrer Psyche Gutes tun. Mich überrascht es so gar nicht, dass James Pennebaker von der University of Texas nachgewiesen hat, dass die schriftliche Konfrontation mit negativen Situationen Erleichterung verschafft. Er entwickelte die Technik des expressiven Schreibens. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen: ich fühle mich jedes Mal erleichtert, wenn ich einen Text für meinen Blog hier geschrieben habe. Ja, es ist zuerst aufwühlend, aber danach geht es mir tatsächlich besser! Umso mehr, wenn ich von Lesern die Rückmeldung erhalte, dass ich mit meinen Problemen nicht alleine bin. Durch die schriftliche Reflektion gewinne ich Abstand, kann meine Gedanken und Gefühle ordnen und einsortieren und dadurch besser mit ihnen zurechtkommen.

Wären negative Emotionen ausschließlich schlecht, hätten sie ja schon aus biologischer Sicht keinerlei Nutzen oder Berechtigung. Darum kann eine allgemeine Ablehnung dieser Gefühle nicht die Lösung sein. Psychologen betonen immer wieder, wie normal und auch notwendig das Erleben von seelischem Schmerz, Trauer usw. für ein erfülltes Leben sind. Nur so können wir beispielsweise den Verlust einer nahestehenden Person verarbeiten. Und auch die Auseinandersetzung mit einer Krankheit und der damit einhergehende Verlust von Mobilität, Lebensqualität, den zahlreichen Problemen oder sogar der Bedrohung des eigenen Lebens gehören zu einem psychisch gesunden Verhalten dazu!

Ich habe es selbst einmal erlebt, wie eine Person in meinem Umfeld über Monate lang bei jedem Treffen wie aufgedreht war. Sie lachte auffällig laut, hatte ein Dauergrinsen im Gesicht, verhielt sich laut, überschwänglich und legte einen übertriebenen Tatendrang an den Tag. Ich hatte dabei immer den Eindruck, dieser Mensch stünde unter aufputschenden Drogen. Dass da etwas nicht stimmte, das Gefühl hatte ich gleich. Aber erst viel später erfuhr ich, dass die Person von ihrem langjährigen Partner betrogen worden war. Natürlich muss man nicht mit jedem oder immer über seine verletzten Gefühle sprechen. Doch die Tatsache, dass dieser Mensch es für nötig hielt, anderen und vielleicht auch sich selbst dermaßen etwas vorzumachen zeigt mir, dass der Druck, der in unserer Gesellschaft herrscht, negative Gefühle nicht zuzulassen oder zumindest nicht nach außen zu tragen, für manche sehr groß sein muss.

DU BIST DOCH SELBER SCHULD

Ein weiteres Problem, dass man jemandem aufbürdet, in dem man sagt, er oder sie müsse schlichtweg positiv denken, um seine oder ihre Probleme in den Griff zu bekommen ist, dass man die Person als unfähig abstempelt. Der Gesundheitszustand oder gleich die ganze Krankheit werden als persönliches Versagen eingestuft, als Misserfolg für sich selbst zu sorgen. Übersetzt heißt das nichts anderes als: „Du bist selber schuld, wenn es mit der Genesung nicht klappt!“.

Damit hilft man den Betroffenen nicht, sondern löst auch noch zusätzlich Gefühle von Schuld, Scham, Versagen und womöglich sogar noch mehr Druck aus, um endlich den Ansprüchen um sich herum genügen zu können. Wie so häufig, bei den Sätzen, die ich in meinem Bullshit-Bingo gesammelt habe. Wer so etwas sagt, stiehlt sich außerdem noch aus der Verantwortung, selbst Hilfe leisten zu müssen. Es ist für das Umfeld, die Gesellschaft und auch die Wirtschaft natürlich bequemer, die Verantwortung allein auf die Kranken abzuwälzen.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass unangebrachtes Positives Denken Menschen intolerant gegenüber den Sorgen, den Ängsten und den Schmerzen anderer macht. Das muss man sich mal klar machen, was das bedeutet! Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich Leute in solche Ausflüchte stürzen, um nur ja nicht über den Horizont ihrer bequemen, naiven und zurechtgezimmerten kleinen Welt gucken zu müssen. Das wäre ja auch ganz schön anstrengend. So lange ich in meiner Heile-Welt-Blase schwebe und die Probleme anderer mit solchen Plattitüden zurückweise, geht’s mir eben prächtig. Hauptsache, sie verhageln mir nicht die Stimmung. Na, schönen Dank auch.

Leuten, die von einem Schicksalsschlag welcher Art auch immer getroffen wurden, ein engstirniges, da unter allen Umständen beizubehaltendes Streben nach Glück, Erfolg und guter Laune als Richtschnur vorzubeten, ist meiner Meinung nur eines: ein ziemlich rücksichtsloses, empathieloses  und egoistisches Verhalten. Ein sehr vielversprechender Titel zu diesem Thema scheint mir auch Barbara Ehrenreichs „Smile Or Die – Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt“.

DIE MISCHUNG MACHT’S

So, jetzt habe ich ganz schön viel über die „Diktatur des Dauergrinsens“ gewettert. Zu Anfang meines Textes habe ich mich aber auch über die Leute beschwert, die ständig nur am Jammern sind. Wie geht das nun zusammen?

Wie so häufig im Leben scheint mir die Antwort ein Mittelweg zu sein. Weder die Einstellung à la „Ich rolle mit meinem rosaroten Panzer über eure Probleme und singe ganz laut ,La, la, la, ich kann euch nicht hören, mein Leben ist so schubidu!“, noch die apokalyptischen Orakelsprüche wie „Wir sind ganz alleine, keiner kann uns helfen, wir müssen alle sterben, die ganze Menschheit ist so schlecht, gebt mir nen Dolch oder besser ein Megaphon, damit es alle hören!“ sind gesunde, das heißt angemessene Reaktionen auf sehr belastende Situationen. Diese Erkenntnis finde ich erschreckend banal und auch alles andere als überraschend.

Noch einmal zusammengefasst: Gesundes Denken ist nicht zwangsläufig mit Positivem Denken gleichzusetzen! An alle, die wegen Scheidung, Jobverlust, dem Verlust eines Menschen oder einer Krankheitsdiagnose traurig, verwirrt, verängstigt sind: ihr dürft diese Gefühle haben, es ist normal, es ist angemessen, es ist ok!

Da fühlt man sich doch gleich regelrecht erleichtert, wenn man diesen Gute-Laune-Zwang als das erkennt, was er ist: nämlich ein Zwang. Gefühle bewusst wahrzunehmen und sich seinen Ängsten zu stellen ist eine Voraussetzung dafür, mit belastenden Situationen fertig zu werden. Erst, wenn negatives Denken zu lange anhält und alles andere überschattet, sollte man sich Sorgen machen und sich Rat suchen (im Idealfall, bevor es so weit kommt). Im Übrigen ist auch dann der Ratschlag „du musst einfach positiv Denken“ fehl am Platz. Wäre es so einfach, gäbe es nicht mehr viel Arbeit für Psychotherapeuten.

Ich bin voll und ganz für gesunden Optimismus. Doch auch zu dem gehört es dazu, schmerzhafte Erfahrungen nicht zu beschönigen oder gar zu leugnen. Da wären wir sonst wieder beim Realitätsverlust. Ein Schwarz-Weiß-Denken ist nun einmal selten förderlich im Leben. Ich betone noch einmal: es ist belegt, dass eine optimistische Haltung gegenüber dem Leben Vorteile für Körper und Psyche hat. Es sollte aber ebenso deutlich geworden sein, dass ebenfalls hinreichend belegt ist, dass Positives Denken nicht zu unterschätzende negative Auswirkungen hat, wenn es zum Zwang wird. Jeder Mensch kann, darf, sollte alle Gefühlszustände durchleben. Und bitte: werft alle Ratgeber in die Tonne, die euch verkaufen wollen, dass ihr in jeder Situation mit einem Grinsen durch die Welt laufen müsst und euch so zu Versagern erklären, wenn euch mal die Mundwinkel erschlaffen.

DIE ZAUBERFORMEL

Wie sieht nun dieser beschworene goldene Mittelweg aus? Ich sag’s euch: ich habe keine Ahnung! Jeder und jede von uns ist anders, nicht jedem Menschen hilft das Gleiche und nicht alle haben die gleiche Wohlfühlzone. Unsere ganz eigene auszuloten, ist sicher nicht einfach. Auch, wenn das jetzt keine befriedigende Antwort sein mag: es gibt keine Zauberformel. Wir müssen uns, wohl oder übel darauf einstellen, dass so eine ausbalancierte Psyche manchmal unangenehme Arbeit ist und es keinen Weg zu ihr gibt, der für alle funktioniert. Es gibt aber Momente, da ist sie dann da, vielleicht auch einfach so, ohne dass wir uns bewusst dafür angestrengt hätten. Wie auch immer, so banal und platt es jetzt vielleicht klingen mag: findet euren eigenen Weg und hört auf euch selbst.

Und an alle Gute-Laune-Gurus: hört auf, uns euer Mantra eintrichtern zu wollen und nehmt das Leben an, so wie es ist; mal bist du der Baum und mal der Hund. Und auch wenn nur der Hund ständig laut bellt: auch Bäume haben Gefühle und verlieren ihre Blätter und das ist ok so. Alle Jahreszeiten sind erlaubt.

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eure FibroFee

12 Replies to “BSB Vol. 8: „Du musst einfach positiv denken!“”

  1. hallo Ihr Lieben… Traumatisierung ist noch mal ein ganz besonderes Thema… und da geht es beileibe nicht immer nur um die ganz großen Dinge wie Missbrauch in seinen vielfältigsten Formen… wer mir vor 10 Jahren gesagt hätte, dass ich traumatisiert sei, den hätte ich ausgelacht… aber anderthalb Jahre Psychotherapie (um den Grund für meine Panikattacken herauszufinden und zu lernen, mit einer chronischen Schmerzerkrankung zu leben) haben mir die Augen geöffnet… und ja, es hat verdammt weh getan, es war anstrengend bis zur totalen Erschöpfung, aber es hat mir für vieles eine nachvollziehbare Erklärung geliefert… danach ging es nur noch darum, WIRKLICH mit der Vergangenheit abschließen zu können, denn dieses ständige „hätte“, „wäre“, „wenn“ versaut einem die Gegenwart und verhindert den Blick in eine Zukunft. Das wichtigste daran war, dass ich mich von meinem permanent vorhandenen schlechten Gewissen verabschieden konnte und gelernt habe „Nein“ zu sagen… dass ich mich von einer Menge Zwängen befreien konnte (heute schlafe ich nicht schlechter in ungebügelter Bettwäsche) und mir das Recht herausnehme, auch an MICH zu denken. Auch wenn mein Körper noch nicht begriffen hat, dass er heute keine Notbremse mehr betätigen müsste weil ich besser auf mich aufpasse, geht es zumindest meiner Psyche inzwischen wieder besser… auch wenn ich immer noch aufpassen muss wenn das große schwarze Loch mir zuwinkt, dass ich mich einfach reinfallen lassen soll.

    1. Hallo Angie. Ja, ein Trauma bedarf natürlich ganz besonderer Aufmerksamkeit und Behandlung. Und viel Zeit. Hut ab, dass du dich so damit auseinandergesetzt hast und es überwinden konntest! Geh weiter deinen Weg und lass dich nicht davon abbringen. Ganz liebe Grüße, FibroFee

  2. Hallo,
    Ich bin auch total begeistert von deinem Beitrag. Habe mich erst letztens wieder mit einem solchen Menschen auseinander setzen müssen.
    Und wie du beschreibst, Was es mit dir macht diesen Blog zu schreiben, das kann ich nur unterschreiben, genauso geht es mir auch!
    Nach weiter so!
    Liebe Grüße 🙂

  3. Wenn ich in etwas Negativem etwas Positives sehe, dann ist es meine Wahrnehmung. Mit dieser kann ich leben. Aber wenn man mir ständig sagt, du musst deinen Fokus auf das Schöne richten, dann bin ich der Meinung, dass ich oberflächlich werde u. immer wegschauen würde – auch, wenn es jemand anderen nicht gut geht. Ich möchte meinen eigenen Weg finden u. gehen.

  4. Man kann bei diesem Thema auch gut in politische Theorien – Marx, Opium des Volkes. Auf gut Deutsch: wenn die Probleme nicht systemisch (also Probleme der Gesellschaftsstruktur) sind, sondern persönlich, dann sind die benachteiligten Gruppen selber Schuld an ihrem Unglück, sollten sich glücklich schätzen, dass es ihnen so gut geht; und die Machtungleichheiten werden fröhlich weiter aufrecht erhalten. (Marx wird inzwischen ja auch gerne abgetan, aber in der Hinsicht hat er ein feines Näschen)

  5. Hey fibrofee,
    toller Beitrag, super recherchiert und zusammen gefasst! Ein Thema, dass sich auf diese Art sicher gut kontrovers diskutieren lässt. Mir ist das alles nicht fremd, was du schreibst, im Gegenteil: In meinem Leben gibt es ein ganz wichtiges Ereignis, nämlich die Trennung vom Vater meiner Kinder, welches mich aus heutiger Sicht komplett verändert hat. Ein Wendepunkt, der schmerzhaft und gleichzeitig lebensrettend und wichtig war. Mir ist damals bewusst geworden, dass ich mir meine Beziehung, mein ganzes Dasein und auch meine Rolle als Mutter „schön geredet“ habe. Immer schön positiv bleiben und in jeder Krise eine Chance sehen, das war mein Motto. Tatsache ist, dass ich die Augen verschlossen habe vor der Wirklichkeit, weil ich mit allen Mitteln eine Fassade aufrecht erhalten wollte. Ich wollte zwanghaft glücklich sein. Heute weiß ich, dass meine Triebfeder damals vor allem Angst vor negativen Gefühlen war. Angst vor der eigenen Wut und meinen Aggressionen. Gleichzeitig, das wurde mir allerdings erst innerhalb einer Therapie bewusst, hatten meine ständig wiederkehrenden negativen Gedanken viel stärker von mir Besitz ergriffen, als ich jemals vermutet hätte. Alle diese typischen negativen Glaubenssätze wie „Ich schaffe das sowieso nicht!“ oder „Dazu bin ich zu dumm“ spukten täglich in meinem Kopf herum und zwar nicht ohne Wirkung. Mit diesem Widerspruch, hier die glückliche Mutter und Partnerin vorgauckelnd und da gefangen sein in negativen, mich selbst abwertenden Gedanken, habe ich jahrelang gelebt. Durch radikale Entscheidungen und Veränderungen ist es mir wenigstens gelungen diese Widersprüche zu erkennen und mich von meinem „Glückszwang“ zu befreien. An dieser Stelle möchte ich ein lesenswertes Buch erwähnen: „Unglücklich sein – eine Ermutigung“ von Wilhelm Schmid. In seinem Buch vertritt er deutlich einen anderen Standpunkt, als viele dieser Glück- Versprecher – Ratgeber, die auf den Markt geschmissen werden. Eine große Herausforderung in meinem Leben ist die Auseinandersetzung mit meiner Wut und Aggressionen. Ich komme bei dem Thema immer an meine Grenzen und nehme wahr, wie sehr ich geprägt bin von einer Erziehungsmethode, die Wut und Aggression negiert, in der es nur „schöne Gefühle“ geben darf und man sich ständig gegenseitig vergewissert wie schön alles ist. Als Mutter und Pädagogin bin ich irgendwann auf das Buch „Aggressionen“ von Jesper Juul, einem Familientherapeuten, gestoßen und bin immer noch sehr dankbar dafür. Tolles Buch, nicht nur für Eltern und Pädagogen.
    Allerdings ist das pathologische „sich seine Welt schön reden“ nicht gleich zu setzten mit dem „Think – Positive – Glücksstress“, trotzdem: für mich geht es in die gleiche Richtung und ich teile deine Vorbehalte. Und das, obwohl ich mich beim Yoga, sowie beim Meditieren nicht selten von einem gewissen Glücksgefühl durchströmt fühle und in solchen Momenten sind das nicht nur der entspannte Zustand, sondern auch die positiven Gedanken, die das Gefühl auslösen. Ähnliches passiert manchmal beim Schreiben, weil sich durch das Schreiben Gedanken bilden und mir Dinge bewusst werden. Mein morgendliches Ritual ist das Schreiben von sog. „Morgenseiten“ und ich liebe es! Das ist eine Methode für mich den Mittelweg zu finden, den du auch sehr schön beschrieben hast.

    Also noch einmal: Danke für deinen tollen Beitrag
    lg Claudia

    1. Liebe Claudia,

      danke, dass du hier deine Erfahrungen teilst! Ich denke so wie dir, geht es vielen Menschen da draußen. Die Frage ist eben, ob man sich das auch eingesteht. Toll, dass du auch Hilfe angenommen hast und dir durch die Auseinandersetzung mit deinen Gefühlen über die Widersprüche in deinem Leben klargeworden bist – das war sicher nicht einfach! Wie du es für dich sagst, hängt das Verhalten häufig mit schon in der Kindheit Erlerntem zu tun. Umso schwerer und tückischer ist es, sich davon Abstand zu gewinnen. Danke auch für deine Buchtipps – die klingen wirklich passend.
      Das Glücksgefühl, dass du beim Meditieren und Yoga hast, hat sicher nichts mit Zwang zu tun. Da gibt es ja mittlerweile zahlreiche Studien zu dem Thema, warum und wie das entsteht. Da geht es ja auch oft darum, sich und Dinge anzunehmen, wie sie sind (Stichwort Achtsamkeit). Und was du über’s Schreiben sagst, kann ich bestätigen :). Das mit der Morgenseite klingt gut, habe ich vorher noch nie davon gehört!

      Liebe Grüße zurück!

  6. Danke für den tollen ausführlichen Text und die interessanten Quellenangaben!
    Alles, was Du aufgreifst, kenne ich aus eigener Erfahrung im Umgang mit meinen Erkrankungen (Fibro, Migräne, PTBS, Angst-/Panik, Depression).
    Deshalb vielleicht als Tipp für Dich und andere interessant:
    Ich habe durch das Buch „Wie wir uns vom Positiven Denken heilen“ von Mike Hellwig erstmals erkannt, in was für eine selbstzerstörerische Falle ich da mit diesem ganzen „Positiv Denken“ getappt war. Zwar geht es bei Hellwig um das Schwerpunktthema „Trauma“, aber viele Fibro-Kranke kennen sich ja leider auch damit aus … :-/

    Am besten lässt man es gar nicht so weit kommen, sich über Jahr(zehnt)e schön was vorzumachen, um dann irgendwann festzustellen, dass sich der „Lebensmurks“ irgendeinen anderen Weg gesucht hat … Stichwort: „Somatisierung“ …

    Dass Du in Deinem relativ jungen Alter schon so „weit“ bist, ist ein großes Glück, spricht für Dich und Deinen Verstand und gibt Dir eine Chance auf einen besseren, gesünderen Umgang mit dem, was allein die Fibro so mitsich bringt …

    Also: „Feier‘ den Scheiß!“ 😉
    (Zitat: Käptn Peng)

    Liebe Grüße
    Tanja

    1. Ich hab mich wieder einmal sehr über deinen ausführlichen Kommentar gefreut! Danke auch für den Buchtipp! Ich selbst habe zwar (zum Glück) nichts mit dem Thema Traumatisierung zu tun. Aber wie du sagst gibt es da auch andere Fälle. Bei dir kommen ja dann so viele Erkrankungen zusammen, bei denen dieses Thema sicher häufig an dich herangetragen wird. Bestürzend zu hören, dass du auch keine positiven Erfahrungen mit dem „Positiven Denken“ gemacht hast. Aber wundern tut es mich leider nicht…Ich habe schon lange eine „Allergie“ gegen diese Heile-Welt-Ideologie, die so weit verbreitet ist. Ich habe immer wieder in meinem Umfeld gesehen, was das für fatale Folgen haben kann. So ausführlich reflektiert habe ich das aber auch erst beim Schreiben und Recherchieren für diesen Artikel. Ich bin auch noch dabei, einen guten Umgang zwischen diesen Polen zu finden. Haha, oh ja, das mach ich ;-)! Liebe Grüße zurück!!

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