BSB Vol. 9: „Was, du gehst schon? Sei kein Spielverderber!“

Varianten: „Musst du etwa früh aufstehen und lernen? Uncool!“, „Sei doch mal ein bisschen spontan!“, „Sei doch nicht so langweilig.“

Tja, wo soll ich da anfangen. Vielleicht damit, dass ich zugebe, dass diese Vorwürfe durchaus zutreffen. Ich bin tatsächlich oft ein „Spielverderber“, ich bin uncool, ich bin wenig spontan und ich bin aus der Perspektive Gleichaltriger ziemlich langweilig. Ich meckere über Lärm und ziehe mich oft zurück, weil es mir in Gesellschaft häufig zu laut ist. Ich nehme dann ab einem bestimmten Lärmpegel, einem bestimmten Menschenaufkommen und nach einer gewissen Uhrzeit nur noch spärlich an Gesprächen teil. Ich bin sehr selten bis niemals auf coolen Partys, hippen Festivals, geilen Feten, abgefahrenen Sportereignissen, durchzechten Nächten, ausgedehnten Shoppingtouren, aufregenden Jobs und abenteuerlichen Reisen anzutreffen. Zu meinen Hobbys zählen Stricken, Lesen, Backen, Spazierengehen und im Bett liegen. Schnarch. Kaum zu glauben, dass ich nicht Ü60 sondern U30 bin. Ich kann schon verstehen, dass ich auf Altersgenossen wohl mitunter etwas „angestaubt“ wirke. Umgekehrt wirken die auf mich nicht selten überdreht und oberflächlich. Das ist dann wohl der Ausgleich.

WAS ICH TUE UND WAS ANDERE TUN

Der Unterschied zwischen dem was ich tue, und dem was andere, gleichaltrige oder gesunde Leute tun ist, dass ich es mir häufig nicht aussuchen kann, was, wie oder wann ich etwas tun möchte. Mein Aktionsradius ist durch meine chronischen Erkrankungen schlichtweg deutlich eingeschränkt. Mir steht jeden Tag nur eine sehr begrenzte Menge von Energie zur Verfügung (für mehr Infos lies die Spoon-Theory), die ziemlich schwankt und die ich auch nur zur Verfügung habe, wenn die Umstände dafür stimmen. Diese begünstigenden Umstände aufrechtzuerhalten benötigt ein Großteil meiner Zeit und meiner Ressourcen (mehr dazu auch im Artikel: „Mit dir kann man auch gar nichts mehr machen.“). Diese Tatsache hat entscheidend dazu beigetragen, was meine bevorzugten Aktivitäten sind.

Aber ganz ehrlich: ich mag meine ganzen Oma-Aktivitäten! Ich finde sie gemütlich, entspannend, bei ihnen kann ich runterkommen und auf eine Weise Energie auftanken. Ich glaube, vieles von dem würde ich auch tun, wäre ich nicht durch eine Erkrankung so eingeschränkt. Ich bin mir aber auch sicher, dass ich noch viele andere Dinge tun würde. Ich vermisse es, abends einfach loszuziehen, zu tanzen, zu trinken, mich gegen laute Musik anbrüllend zu unterhalten, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, bis zum Morgengrauen. Ich wäre gerne aktiver, würde mehr Sport machen und Sachen ausprobieren. Ich wäre gerne viel mehr unterwegs, in der Natur, in anderen Städten, in anderen Ländern und würde davon erzählen. Sehr gerne würde ich meine Energie dafür einsetzen, interessante Jobs zu machen um dann das Verdiente dafür einzusetzen, schöne Dinge zu sehen und zu erleben. Hätte, wäre, würde.

WAS ICH TUN WILL UND WAS ICH TUN KANN

Mir die Dinge vorzustellen, die ich gerne tun würde, die ich aber nicht tun kann, macht mich traurig und frustriert. Zwischen dem, was ich tun will und dem was ich tun kann, liegen oft Welten. Klar, irgendwo habe ich die Hoffnung, dass einiges davon irgendwann möglich sein wird, das macht mir auch Mut. Aber häufig macht es mich niedergeschlagen und ich versuche darum, mich so oft wie möglich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich tun kann. Dabei ist es mir auch egal, wenn andere denken, dass das irgendwie altmodisch oder lahm ist. So what. Meinen verfrorenen Arsch mit allerlei Garn bunt einzustricken macht Spaß und ist auch noch ziemlich praktisch und schön anzuschauen 😛 .

Ein Problem habe ich aber damit, wenn mir das, was ich tue, zum Vorwurf gemacht wird oder in Gruppenzwang-Manier vorgehalten wird, um mich zum Mitmachen zu zwingen oder mich dumm dastehen zu lassen und blöde Witze darüber zu reißen. Und so etwas kommt häufiger vor, als man vielleicht glauben mag. Ich denke auch, dass diejenigen, die das tun, oft nicht mal mitbekommen, wie verletzend das ist. Eben aus dem Grund, weil ihnen nicht klar ist, dass man als chronisch kranker Mensch eben nicht immer die Wahl hat, das zu tun, was man möchte.

DER SPIELEABEND MIT DEM SPIELVERDERBER

Dazu möchte ich euch eine Situation schildern, die mir passiert ist, als es mir gesundheitlich schlechter ging als heute und die Diagnose Fibromyalgie auch erst einige Monate vorher bekommen hatte. Zu dem Zeitpunkt war ich noch dabei auszuloten, was ich tun konnte und was nicht und wie ich mir mein Leben mit dieser Krankheit möglichst gut einrichten konnte.

Ich war also damals auf einem Spieleabend mit Freunden und Bekannten. Ich hatte mir schon offengelassen ob und wie lange ich bleiben würde, weil ich eben nicht sagen konnte, ob ich am Abend überhaupt noch dazu in der Lage sein würde. Ja, auch so ein Spieleabend, der ja eigentlich keine große Sache ist, ist für mich nicht so einfach zu bewältigen. Gegen Abend geht es mir tendenziell schlechter. Die Schmerzen und die Erschöpfung werden schlimmer und die Konzentrationsfähigkeit lässt deutlich nach. Zudem muss man dabei auch noch länger sitzen, was für mich damals mit großen Schmerzen verbunden war. Dazu kommen auch noch Medikamente, die ich abends nehme und die sehr müde machen und die die Teilnahme an Gesprächen nach 21 Uhr in den ersten anderthalb Jahren praktisch unmöglich machten, bis sich mein Körper einigermaßen daran gewöhnt hatte. Aber ich hatte zu dem Zeitpunkt schon wochenlang keine Freunde mehr getroffen. Das Ganze sollte außerdem bei einem Nachbarn stattfinden. Ich konnte darum einfach gehen, wenn es mir zu viel werden würde. Also ging ich hin.

Es war schön, aber es war sehr sehr anstrengend für mich. Wie zu erwarten konnte ich dem Spiel und auch dem Gespräch nach neun Uhr nicht mehr wirklich folgen. Es war mir zu laut, das Bier lehnte ich vehement ab, die Gesprächsthemen waren nicht meine. Aber egal, ich fühlte mich wenigstens einigermaßen lebendig und nicht mehr nur eingesperrt, obwohl ich starke Schmerzen hatte. Es muss so kurz nach 22 Uhr gewesen sein, als ich mich dann von der Runde verabschiedete. Ich hatte schon über eine Stunde länger dabeigesessen, als das eigentlich gut für mich war. Aber ich wollte nicht schon nach einer Stunde wieder abhauen, ich wollte mich ablenken, ich wollte irgendwie dabei sein. Als ich aufstand, kassierte ich dann folgenden Spruch: „Was, du gehst schon? Musst du morgen studieren oder was?!“, untermalt mit einem Grinsen. Aus meiner vernebelten Birne stammelte ich nur angesäuert etwas von wegen ich sei total müde.

AUF BLÖDEN SPRUCH FOLGT WUTAUSBRUCH

Ich schleppte mich die Treppen hoch und als die Tür zu meiner Wohnung hinter mir ins Schloss fiel überkam mich plötzlich eine so rasende Wut. Die Maske der Beherrschung viel von mir ab und der ganze Frust über meine Situation und das Unverständnis und die blöden Sprüche, die ich mir obendrein noch anhören musste, brachen sich bahn. Ich schrie, ich heulte, ich trat gegen Möbel. Mit zitterigen Händen schrieb ich eine SMS an meinen Freund, dass er seinem Kumpel doch bitte sagen sollte, er solle sich in Zukunft solche blöden Sprüche verkneifen. Der verstand überhaupt nicht, was denn mit mir los war, warum ich mich so aufregte. Es war klar, dass sie überhaupt nicht begriffen, warum mich das so verletzte. Ich musste das Geschehene erste einmal sacken lassen und darüber nachdenken. War meine Wut tatsächlich so unbegründet? War das einfach nur ein blöder Spruch, über den ich mir keine weiteren Gedanken machen sollte?

WARUM SOLCHE AUSSAGEN VERLETZEND SIND

Diese Fragen konnte ich auch nach einer Weile nur mit „Nein!“ beantworten. Darum beschloss ich, eine Mail zu schreiben, in der ich erklärte, warum ich mich in dem Moment ziemlich scheiße gefühlt hab‘ und dass ich solche Sprüche unangebracht und verletzend finde. Es wurde eine sehr lange Mail, kann ich euch sagen. Weil einigen, die das hier lesen, vielleicht immer noch nicht klar sein sollte, warum mich das zu hören so aufgeregt und verletzt hat, hier eine Zusammenfassung:

  1. Ich habe erklärt, was es bedeutet, Fibromyalgie zu haben, was diese Krankheit überhaupt ist.
  2. Ich habe geschildert, wie hart die Monate davor für mich waren und warum es für mich darum ein ziemlicher Erfolg war, überhaupt wieder bei so etwas wie einem Spieleabend dabei sein zu können. Dass das für mich alles andere als selbstverständlich ist und mir viel abverlangt.
  3. Ich habe betont, dass man mir meine Symptome nicht oder kaum ansieht, auch in Momenten, in denen es mir schlecht geht.
  4. Letztendlich sollten meine Schilderungen deutlich machen, warum bestimmte Dinge zu tun, über die gesunde Menschen nicht einmal nachdenken müssen, mir sehr viel Kraft und Disziplin abverlangen, besonders mein Studium und dass ich darum, solche Sprüche, auch wenn sie nicht böse gemeint sind, nicht witzig finde.

Es hat sehr gut getan, das einmal auszusprechen. Ich denke, die Person konnte dann einigermaßen verstehen, warum ich diesen Spruch unangebracht fand. Er hat gesagt, dass es ihm leid tut und dass das keine Stichelei sein sollte. Ton und Gesichtsausdruck hatten bei mir auf jeden Fall einen anderen Eindruck erweckt. Ich verstehe auch, dass es für andere nicht einfach ist, zu erkennen, warum solche Aussagen verletzend sind. Eben gerade weil man uns viele Einschränkungen und Beschwerden nicht ansieht.

ABHÄRTUNG, ABWEHR ODER DOCH ALLEINE ABKOTZEN?

Zugegeben, heute würde mich so ein Spruch nicht mehr derart aufregen. Ich hab mir die letzten Jahre schon so viel angehört und bekomme von anderen Leuten mit unsichtbaren Erkrankungen und Behinderungen mit, was für Unverschämtheiten die sich mitunter anhören müssen. Da bleibt einem wirklich die Luft weg und das hier ist totaler Pipikram dagegen. Mehr davon lest ihr in meinem Bullshit-BingoMan wird ein Stück weit abgehärtet gegen eine bestimmte Art Ignoranz. Und natürlich auch schlagfertiger. Heute hab ich auch schon einen ganzen Stapel Erwiderungen auf solche Sprüche auf Lager. Ich würde wahrscheinlich direkt etwas sagen wie „Ja, ich muss morgen studieren. Und im Gegensatz zu den meisten anderen tue ich das MIT chronischer Erkrankung und Behinderung! Da kann ich es mir leider nicht leisten, ewig wachzubleiben.“

Auch wenn ich weiß, dass meinem Gegenüber überhaupt nicht klar ist, dass es sich unsensibel verhält: es tut weh, sich Tag um Tag so sehr anzustrengen, um überhaupt ein Sozialleben zu haben, das reduziert genug ist und dann doch wieder den Stempel der langweiligen Spaßbremse aufgedrückt zu bekommen, wenn man dann mal dabei ist. Es kann und muss nicht jeder wissen, wie es mir geht. Aber wenn mich etwas verletzt, muss ich den Spruch auch nicht unkommentiert stehen lassen. Unwissenheit kann die Erklärung, aber nicht die Rechtfertigung für unsensibles Verhalten sein. Und wenn ich dazu nie etwas sage, wird sich von alleine vermutlich nichts ändern.

FIBRO-MACKEN UND NORMALO-LÖSUNGEN

Immer und immer wieder fühle ich mich wie unsichtbar und merke, dass meine Bedürfnisse und Probleme auch Anlass sind für Spott, Unverständnis oder sogar Ablehnung. Häufig nehme ich mehr Schmerzen und noch mehr Erschöpfung in Kauf, um bei sozialen Aktivitäten dabei zu sein, sei es in einem lauten Restaurant, auf einem Familienfest oder beim Besuch von oder Aktivitäten mit Freunden und Bekannten. Dass ich dabei mitunter etwas komisch wirke, weil ich plötzlich sehr ruhig bin, früh wieder gehe oder ich grimmig gucke, ist mir bewusst. Es kommt auch häufiger vor, dass ich angespannt bin, wenn Hektik und Lärm um mich herum herrschen und ich einsilbige oder auch patzige Antworten gebe. Das liegt daran, dass diese Situationen sehr anstrengend für mich sind und meistens zu einer Verschlechterung diverser Symptome führen.

Ich tue mein Bestes, damit es mir so gut wie möglich geht und ich Dinge tun kann, die für andere normal sind. An manchen Tagen kann ich diese Dinge tun. Das ändert aber nichts daran, dass vieles an meinem Körper nicht „normal“ funktioniert. Darum ist es nur verständlich, dass ich mich auch nicht immer „normal“ verhalte oder mich Dinge stören, die für andere kein Problem sind, finde ich. Bei uns Fibros sind einige oder alle Sinne überempfindlich. Das heißt, dass wir Geräusche, Licht, Gerüche, Berührungen etc. meist stärker wahrnehmen als Gesunde. Das führt dazu, dass wir schnell reizüberflutet sind. Dass immer nur zu Hause rumsitzen aber keine Option für mich darstellt, um dem aus dem Weg zu gehen, dürfte allerdings einleuchten.

Ich selbst kann nur für mich die besten Umstände schaffen, damit es mir so gut wie möglich geht. Ihr „Normalos“ könnt dazu beitragen, indem ihr versucht, euch mal in unsere Lage zu versetzten, und mehr Rücksicht walten zu lassen. Der springende Punkt ist, dass ich nicht aus meiner Haut kann und mich auch nicht zwingen kann, Dinge zu tun, die meinem Körper schaden oder die schlichtweg nicht möglich sind, so sehr ich das auch wollte. Das ist keine Frage des Wollens. Ich überwinde mich jeden Tag, um so „normal“ wie möglich zu leben. Die Frage ist, ob auch ihr „Normalos“ uns ein Stück weit entgegenkommen wollt, um diese Welt ein bisschen angenehmer für alle Spoonies zu machen. Danach dürft ihr mich auch gerne einen lahmen Langweiler nennen 😉 .

Schreibt mir gerne einen Kommentar hier auf meinem Blog, ob ihr solche Situationen kennt und wie ihr damit umgeht!

PS: Für mehr Infos, Tipps und Artikel zum Thema Fibromyalgie folge mir jetzt auf Facebook, Twitter, Pinterest und  JETZT NEU IM PROGRAMMInstagram. Wenn du keinen Blog-Beitrag mehr verpassen willst, dann trage dich hier unten in der Fußleiste für den Newsletter ein. 

eure FibroFee

 

6 Replies to “BSB Vol. 9: „Was, du gehst schon? Sei kein Spielverderber!“”

  1. Liebe Fibrofee,

    Es hilft vielleicht nicht konkret, aber aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass es besser wird. Zum Einen wird man, wie du auch schilderst, mit der Zeit abgehärteter, zum Anderen bemerkt man oft, dass Gedankenlosigkeit schlicht damit zusammenhängt, dass sich das Gegenüber einfach nicht vorstellen kann, wie eine Existenz aussieht, die nicht so ist wie die eigene. Abgesehen davon, dass wir alle dieses Problem haben ;), liegt es an dieser Stelle an fehlender Repräsentation. Als Vielleser ist dir sicher schon aufgefallen, dass über manche Menschen (z.B. Behinderte) nicht geschrieben wird. Sie landen im Übrigen auch nicht in Filmen, TV Serien oder häufiger in der Zeitung. Und wenn doch, dann sind es meist „Standard-Behinderte“, Menschen, die paralysiert sind und im Rollstuhl sitzen oder immer im Bett liegen zum Beispiel (und dann in der Mehrheit beschließen, dass sie ihr wertloses Leben beenden müssen.). Wie auch immer. Die breitere Öffentlichkeit ist sich infolgedessen nicht bewusst, welche Menschen es außerhalb des bekannten „Mainstreams“ gibt. Dafür mache ich ihnen keine Vorwürfe.
    Ich rege mich meistens über die Medien und nicht vorhandene Repräsentation auf. Und wenn Freunde, denen man erklärt hat, wie es einem geht, das ständig komplett ignorieren (und das passiert mir in 90% der Fälle, du bist bei dem Problem nicht alleine 😉 ), dann bin ich entweder lieb und friedfertig und nehme es hin; oder, wenn es mir besonders schlecht geht, beende die Freundschaft. Wenn sich andere durch Mitdenken so überfordert fühlen, dann beschließe ich, ihren kognitiven Schaltkreis nicht zu überlasten.

    Aber ganz grundsätzlich kann ich sagen – und ich habe meine Diagnose schon sehr lange – scheiß auf die, die dir auf Dauer wehtun; vergiss gleichzeitig nicht, dass die wenigsten Menschen von alleine empathisch sind, vor allem, wenn sie nicht verstehen in was man sich einfühlen kann. Wenn sie dir aber echt auf den Zeiger gehen, dann winke ihnen fröhlich zum Abschied zu. Sie sind deine Zeit nicht wert 🙂

    Liebe Grüße!
    Grasfrosch

    1. Lieber Grasfrosch, danke für deinen Kommentar! Das sehe ich genauso – die Darstellung von Behinderung sind einerseits zu wenig und andererseits zu einseitig. Am stärksten vertreten sind noch die sichtbaren körperlichen Behinderungen – wer hätte es gedacht. Bei geistiger Andersartigkeit wird es schon weniger und nicht-sichtbare körperliche Behinderungen kommen im deutschsprachigen Raum so gut wie nicht vor, in de Köpfen jedenfalls. Schon alleine, dass es nicht-sichtbare körperliche Behinderungen geben soll, überrascht doch die Meisten.
      Es ist irgendwie ein Stück erleichternd zu hören, dass dein Umfeld ähnlich reagiert – auch, wenn es nicht schön ist. Ich frage mich dann regelmäßig, was ich falsch mache. Aber vielleicht ist das auch nicht die richtige Frage. Und wie du es schreibst, bin ich da auch weniger tolerant, je schlechter es mir geht. Der mit dem kognitiven Schaltkreis war gut :D!

      Und ja, da trennt sich schon die Spreu vom Weizen. Auch, wenn es schade ist, manchmal ist ein beherztes Winken, das Beste, was man tun kann!

      Liebe Grüße zurück!

      1. Ich denke, man sollte sich nie fragen „was mache ich falsch“ – in Gesundheitsfällen macht man nichts falsch, es liegt ja nicht in der eigenen Macht!
        Meine Sichtweise (die übrigens viel kritisiert wird) ist, dass die anderen diesbezüglich dumm sind. Und ich gebe mich nicht mit dummen Leuten ab, weil das zu anstrengend ist. Ich bin ja nicht der Babysitter für deren fragile Weltsicht.
        Wollte in jedem Fall sagen: man macht es selber nicht falsch!! Die Menschen, die das Gefühl vermitteln, haben Unrecht! Es ist nicht gesund, sich anderen überlegen zu sehen – aber was die Krisenbewältigung angeht, sind wir Experten. Und da darf man stolz drauf sein. Ob die Außenwelt das immer erkennt oder nicht.

        Genug gepredigt 😛

        1. Das hast du schön gepredigt :). Ich stelle mit natürlich häufig die Frage, was ich (noch) tun kann, damit es mir besser geht. Ich denke, dass ist sicher nicht verkehrt. Aber damit stößt man in unserem Fall eben an Grenzen, die nicht mit denen von anderen zu vergleichen sind. Manchmal ist es für mich selbst schwer, das zu akzeptieren. In Zeiten von Motivationstrainern und Co., in denen ständig und überall verkündet wird, man könne alles schaffen, wenn man sich nur anstrenge und es wirklich wolle, ist eine solche Überheblichkeit leider verbreitet. Aber ja, mit dummen Leuten sollte man sich in der Tat nicht aufhalten, da stimme ich dir zu :P. Genau, STOLZ SEIN ist ein wirklich gutes Stichwort! An alle Spoonies da draußen: ihr habt den Tag überstanden, habt ihr sehr gut gemacht!

          1. Ah verdammt, ich sollte präziser schreiben. Ich meinte mit: manches geht nicht, dass man sich die eigenen Ziele vornimmt und die verfolgt. Und da gibt es immer neue Wege und man wird mit der Zeit auch immer kreativer. Das ist so wie eine Freundin von mir, die mir (leicht im Scherz) gerne erzählt, was sie sich in der DDR für tolle Spiele mit Streichholzschachteln ausgedacht haben. Ich kenne viele Menschen, die sich in gesundheitlich schwierigen Lagen geniale Dinge ausgedacht haben, Wege, auf die man so nicht gekommen wäre. Da lernt man täglich dazu, die eigenen Tricks zu verbessern. Was kann man machen? Mehr als man denkt, man ist sogar kreativer als man denkt.

            Aber – was ich meinte und was nicht geht: alternative Wege sind oft das: alternativ. Oft geht es grundsätzlich nicht so, wie die Umwelt es haben will. „Gesunde Menschen“ haben jedoch oft die Erwartungshaltung, dass ihre Lösungsvorschläge die besten sind und werden Druck ausüben, wenn man seine eigenen Wege geht (möglicherweise passiert das nur mir, könnte mir aber gut vorstellen, dass es ein verbreitetes Phänomen ist). Und da muss man dann sagen: Liebe Leute, so geht das nicht. Angenommen man kann wegen gebrochenem Arm nicht Basketball spielen, wird einem auch niemand vorwerfen, man müsse nur seine Einstellung ändern. Wenn es nicht so geht, wie das alle anderen machen, dann geht es nicht. Punkt. Gebrochene Arme verursachen diese Diskussion natürlich nicht; aber ich sehe den Unterschied zu anderen gesundheitlichen Problemen nicht. Es ist für mich grundsätzlich dasselbe.
            Das ist also also der Punkt, an dem ich sage: was für Überlebensexperten wir sind; und hey, wenn jemand nicht versteht, dass man Lösungen nur mit dem bauen kann, was man hat, nicht mit dem, was Leute sehen wollen; dann… scheint da wohl eine geistige Beschränkung auf der anderen Seite vorzuliegen. Kannst du denken? (Das besser nicht fragen, da werden Leute böse. Mir hilft der Gedanke 😉 )

          2. Das mit den Streichhölzern ist ein lustiger Vergleich. Uns geht es wirklich ähnlich. Wir haben oft deutlich weniger Ressourcen als andere zur Verfügung, aber es ist, wie du sagst, echt erstaunlich und bewundernswert, was Leute daraus machen! Da ist Kreativität, Andersdenken und Ausprobieren angesagt.

            Nein, da bist du absolut nicht die Einzige. Es wird Druck ausgeübt – wenn auch nicht immer auf persönlicher, so aber auf gesellschaftlicher Ebene. Viele Leute können sich einfach nicht gut in unsere Lage versetzten. Das mit dem gebrochenen Arm trifft es total. Genau das denke ich auch oft: bei „einfachen“, das heißt gut zu behandelnden gesundheitlichen Problem würde jeder einsehen, warum bestimmte Erwartungen unrealistisch, problematisch und auch übergriffig sind. Der Umstand chronisch krank zu sein, passt einfach in vielerlei Hinsicht nicht in unsere Leistungsgesellschaft. Da soll dann oft genug mit allen Mitteln das, was nicht passt, passend gemacht werden. Und wenn das nicht funktioniert, dann wird dem/der Kranken gerne ein persönlicher Verwurf gemacht, à la „Du arbeitest nicht genug an dir. / Du musst deine Einstellung ändern.“ etc. Was wir aber, obwohl vieles an uns nicht normal funktioniert, alles schaffen, dass wir „Überlebensexperten“ sind, wird zu wenig gesehen. Wie du sagst, sollte man sich nicht selbst die Schuld geben, sondern die Beschränkungen im Denken anderer thematisieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.