Bullshit-Bingo Vol. 5: Oh, es tut mir soooo schrecklich leid für dich!

Varianten: „Oh du Arme(r)!“, „Du tust mir wirklich leid!“

Es ist so eine Sache mit dem Mitleid. Ich weiß, die erste spontane Reaktion, wenn man von einem Mitmenschen erfährt, dass dieser krank ist, mag Mitleid sein. Die Frage, die man sich dabei jedoch immer stellen sollte ist, „Was bringt das dem/der Anderen und auch mir?“. Dadurch wird vielleicht klarer, warum Mitleid häufig zum Problem wird, wenn es um den Umgang mit (chronisch) Kranken geht.

MITLEID MACHT SPRACHLOS

Ich habe immer wieder erlebt, dass andere Leute so von ihrem Mitleid ergriffen sind, dass ein gutes, also konstruktives, Gespräch nicht mehr möglich ist. Wenn ich etwa gefragt werde, wie es mir geht und ich wahrheitsgemäß antworte: „Naja, in letzter Zeit nicht so toll. Aber ich geh‘ bald in Kur“ und mein Gegenüber nur noch die Augen aufreißt, fahrig mit seinen Händen herumnestelt und stammelt: „Ohhh…oh jeeh…hm…ja…das tut mir aber leid! Oh je!“, dann hat man nicht mehr viel Lust, weiterzusprechen. Ich habe in solchen Situationen das Gefühl von einer Mitleidswelle überrollt und erdrückt zu werden, die geradezu aus den Augen des Gesprächspartners sprudelt. Die Folge davon ist, dass wir uns beide unwohl fühlen und die oder der Andere oft hektisch zu einem belanglosen Thema überzugehen versucht.

VON ÜBERGRIFFIGEM MITLEID

Von Freundinnen, denen man ihre Krankheit und ihre Behinderung viel mehr ansieht höre ich immer wieder, wie oft sie sich mit solchen Situationen auseinandersetzten müssen, wie nervtötend das ist und wie wütend sie das teilweise macht. Eine erzählte mir, wie sie einkaufen war und danach mit ihren Gehstöcken langsam über den Supermarktparkplatz ging. Da kam ein alter Mann auf sie zu, blieb stehen und sagte mitleidsvoll „Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen bald besser geht“ und ging weiter. „So was will man wirklich nicht von jemandem hören, der mehr als doppelt so alt ist wie man selbst!“, erzählte sie mir. „Aber der hat es doch nur gut gemeint!“, mögen einige von euch einwenden. Ja, sicherlich. Nur macht es einen in dieser Situation zu einem bedauernswerten Wesen und es ist wirklich nicht angenehm, von Wildfremden ständig seinen, aus deren Sicht, ach so beklagenswerten Zustand unter die Nase gerieben zu bekommen. Man wird zum Opfer abgestempelt bevor die Leute wirklich wissen können oder wollen, wie es einem wirklich damit geht.

Eine andere Freundin, die schwere Gehstörungen hat, berichtete mir, wie entmündigt sie sich fühlt, wenn ihr die Leute um sie herum ständig alles abnehmen wollen. Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass einen schon mitleidige Blicke wirklich auf den Geist gehen können. Da sitzt man von Rentnern umgeben in der Kur und wird angelächelt wie ein einsamer Welpe im Tierheim. Würdet ihr euch da ernst genommen fühlen? Vermutlich nicht.

WIE MICH MITLEID VON AUSSEN DARAN HINDERT ÜBER MEINE PROBLEME ZU SPRECHEN

 Als Spoonie bekommt man mit der Zeit ein Gefühl dafür, welche Leute so reagieren werden. Und weil man eben keine Lust auf diese Mitleidsnummer hat, gehen viele dazu über, ihren Zustand zu verharmlosen oder gar nichts mehr zu erzählen. Ich bin zunehmend angefressen, wenn ich einfach nur von meinem Alltag erzähle, der nun einmal von der Erkrankung geprägt ist, und ich schon nach zwei Sätzen die Panik im Blick der Anderen sehe. Dann gibt’s doch wieder nur die glattgebügelte Kurzversion, weil ich mich dann immer frage, ob die mir gleich vom Stuhl kippen, wenn ich erzähle, was wirklich Sache ist. Aber wie verquer ist das denn bitte, dass ich als Kranke, meine Probleme schönreden oder „zensieren“ muss, nur um Menschen in meinem Umfeld vor ihrem eigenen Mitleid und ihrer Angst zu schützen?!

Und die Leute bringen es doch tatsächlich fertig, sich mir gegenüber dann zwei Sätze später lang und breit etwa über die Shopping-Probleme (!) von einer Bekannten auszulassen. Einmal konnte ich es mir dann wirklich nicht verkneifen zu sagen „Also, wer wegen sowas anfängt zu heulen, der hat keine richtigen Probleme im Leben.“ Da war die Stimmung dann aber im Keller, kann ich euch sagen. Aber ich habe es wirklich satt, mir irgendwelche Problemchen anzuhören – was an sich noch nicht so gravierend wäre – aber gleichzeitig nicht über meine eigenen Probleme, die mich täglich in Schach halten, sprechen zu können. Wenn das Gegenüber nämlich gleich in Schnappatmung auszubrechen droht, ist kein vernünftiges Gespräch mehr möglich.

HILFE DURCH EIN OFFENES OHR

Die Leute, mit denen ich offen und ungeschminkt über meine Probleme und auch meinen Frust mit meinen gesundheitlichen Problemen sprechen kann, ohne, dass sie vor Mitleid und Hilflosigkeit total verunsichert sind, sind für mich sehr wichtig. Ich wunder‘ mich immer wieder, wie wenige dazu tatsächlich in der Lage sind und das gibt mir schon manchmal zu denken. Hätte ich sie nicht, dann blieben mir nur noch meine Ärzte, und die haben ja bekanntlich nicht sehr viel Zeit. Auch, wenn Andere mir nicht immer konkret helfen können ist es wahnsinnig erleichternd, meine Sorgen einfach nur mitzuteilen. Ein riesen Danke an alle, die mir schon ihr offenes Ohr geliehen haben! Ohne euch wäre ich bestimmt schon verzweifelt, geplatzt oder bekloppt geworden!

MITLEID IST FÜR BEIDE SCHLECHT

An diesen Beispielen wird deutlich, dass Mitleid keiner der beiden Seiten hilft. Mitleid steht einem guten und gesunden Austausch im Wege, denn es macht alle Beteiligen hilflos. Denjenigen, der bemitleidet lähmt die Angst davor das durchzumachen, wenn auch nur theoretisch, was dem Bemitleideten widerfährt. Dabei lässt er auch außer Acht, ob dieser Bemitleidete im Moment selbst leidet – das muss nämlich nicht unbedingt der Fall sein! Durch diese Gefühle des Mitleids, der Hilflosigkeit und der Angst vor eben diesen Gefühlen wird der Mitleidende selbst unglücklich und versucht auch möglichst, solchen Situationen in Zukunft aus dem Weg zu gehen. Der Bemitleidete, der sich seines Zustands in der Regel sehr bewusst ist, hat nun noch unter Umständen zusätzlich damit zu kämpfen, dass er beim anderen schlechte Gefühle erzeugt hat.

Ein weiteres Problem von Mitleid ist, dass der Mitleidende so von seinen negativen Gefühlen vereinnahmt wird, dass er unfähig ist, Lösungen oder Hilfestellungen anzubieten, oder lediglich ein offenes Ohr für die Probleme des Gegenübers zu haben. Ist das Mitleid zu groß, wirkt es lähmend, was sich ja schon in der Unfähigkeit widerspiegelt, sich überhaupt mit Worten der Situation zu stellen. Außerdem kann Mitleid dazu führen, dass man den Anderen entmündigt, weil man ihm durch übermäßige Hilfestellungen Verantwortung und Selbstbestimmung entzieht und dadurch, wenn auch ungewollt, in eine Rolle des Schwachen drängt.

ALTERNATIVEN

Darum mein Aufruf an alle da draußen: verabschiedet euch, auch im eigenen Interesse, von eurem Mitleid! Das heißt nun nicht, dass ihr zu gefühlskalten egoistischen Monstern mutieren sollt – nein. Ein bisschen Mitleid ist auch meistens nicht weiter tragisch, aber ihr solltet euch wirklich darüber im Klaren sein, welche Dosis ihr davon abbekommt und was ihr davon an Andere herantragt. Die Lösung heißt: Mitgefühl bzw. Anteilnahme.

Auch wenn wir mit jemandem Mitgefühl haben, können wir uns in seine Lage versetzen und verstehen, wie es ihm geht. Eine Ärztin oder eine Psychotherapeutin kann ja auch nicht mit jedem Mitleid haben, der in ihre Praxis kommt. Anteilnahme brauchen aber auch sie meiner Meinung nach, um eine gute Arbeit machen zu können. Durch Mitgefühl wird eine gewisse Distanz gewahrt und es gleichzeitig möglich gemacht, aktiv Hilfe zu leisten und Lösungen oder auch nur ein offenes Ohr anzubieten. Von seinem Gegenüber Mitgefühl statt Mitleid zu erfahren ist tröstend und lässt Raum für Hoffnung.

REDEN ALS EISBRECHER

Und wenn ihr euch unsicher darüber seid, was euer Gegenüber braucht oder ob sie oder er gerade über seine Probleme reden will: fragt einfach nach! Wenn diejenige keine Lust hat, wird sie das sagen. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen verunsichert sind, wenn ich meine gesundheitlichen Probleme erwähne. Wenn der oder die Andere dann ganz fahrig wird, weiß ich schon Bescheid und überlege mir gut, ob ich mir die Nummer nun wirklich geben will. Aber wenn mich Leute fragen, ob es in Ordnung für mich ist, dass sie mir Fragen stellen oder ich ´was erklär‘ und ich dann ruhig erzähle, wie das bei mir so läuft, dann ist das Eis oft erstaunlich schnell gebrochen und es wird klar, wie viel Unwissenheit aber auch Neugier oft vorhanden sind. Meistens haben nämlich nicht wir Spoonies das Problem darüber zu reden – wir müssen uns schließlich tagtäglich mit unseren Symptomen auseinandersetzen – sondern die Anderen, für die das ungewohntes Terrain ist.

Mir wäre es am liebsten, wenn  man sich über Erkrankungen oder wie auch immer geartete Probleme genauso unbefangen und natürlich auszutauschen  könnte wie über Stress im Job oder die nervigen Nachbarn. All das ist Teil des Lebens, ignorieren ändert also auch nichts dran!

Wenn ihr noch mehr darüber erfahren wollt, wie man am besten über Krankheit spricht – und wie nicht – dann schaut doch gleich bei meinem Bullshit-Bingo rein.

PROJEKT LEIDMEDIEN

An dieser Stelle möchte ich noch über das tolle Projekt Leidmedien aufmerksam machen, das sich zur Aufgabe gemacht hat, klischeebehaftete und diskriminierende Berichterstattung über Menschen mit Behinderung anzuprangern. Hintergrund ist nach eigener Aussage die Beobachtung, dass behinderte Menschen oft einseitig dargestellt werden. Eine typische und unangebrachte Formulierung ist etwa der oder die „an den Rollstuhl Gefesselte“. Auch hier spielt das Mitleid eine große Rolle. Dem kann ich nur hinzufügen, dass vieles auf die Berichterstattung über (chronisch) Kranke ebenfalls zutrifft.

In diesem Sinne, traut euch nachzufragen und euch in andere hineinzuversetzen!

Eure FibroFee

Für mehr Infos, Tipps und Artikel zum Thema Fibromyalgie folge mir jetzt auf Facebook, Twitter, Pinterest und Instagram. Wenn du keinen Blog-Beitrag mehr verpassen willst, dann trage dich doch gleich hier unten für den Newsletter ein. 

One Reply to “Bullshit-Bingo Vol. 5: Oh, es tut mir soooo schrecklich leid für dich!”

  1. „…Auch, wenn Andere mir nicht immer konkret helfen können ist es wahnsinnig erleichternd, meine Sorgen einfach nur mitzuteilen. Ein riesen Danke an alle, die mir schon ihr offenes Ohr geliehen haben! Ohne euch wäre ich bestimmt schon verzweifelt, geplatzt oder bekloppt geworden!…“
    Dieser Satz von Fibrofee spricht mir aus der Seele. Ein offenes Ohr statt nur Mitleid. Darüber reden (ich schreibe), als wäre es ein Alltagsthema (Stress bei der Arbeit, Haushalt usw.). Einfach normal sein und doch Rücksicht u. Verständnis wg. der Fibro-Macken erfahren. Am alltäglichen Leben teilnehmen u. wissen, dass niemand verständnislos wird, wenn man seine Grenze erreicht hat u. sich zurückzieht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.