Bullshit-Bingo Vol. 6: „Boah, ich weiß wie du dich fühlst! Ich hatte neulich ne Grippe. Das war furchtbar.“

Varianten: „Ich weiß genau, wie es dir geht, ich hatte schon mal XY“, „Ich hab‘ ja XY, DAS ist vielleicht schlimm!“

So lange du nicht selbst Fibromyalgie hast, weißt du nicht, wie ich mich fühle. Punkt. Als einfühlsamer Mensch kannst du es dir vielleicht in etwa vorstellen. Mehr aber auch nicht. Das ist auch in Ordnung so, denn wie solltest du es auch wissen?

Solche Situationen, in denen mir jemand im Brustton der Überzeugung erzählen will, wie es mir geht und dann Vergleiche zu seinen eigenen Krankheiten anstellt, sind in der Regel fehl am Platz. Besonders, weil es solchen Leuten meistens ausreicht, den Namen einer Diagnose zu hören, ohne Genaues darüber zu wissen. Und seien wir ehrlich, das interessiert sie auch gar nicht. Sie haben nur auf ein Stichwort gewartet, ihre eigene Leidensgeschichte vom Stapel zu lassen. Besonders hoch ist die Dichte solcher Jammerpilger, wie ich sie nenne – sie ziehen von einem Opfer zum nächsten – in Kurorten, Rehas und Spezialkliniken. Je älter die Leute werden, desto mehr Krankheiten haben sie naturgemäß. Wohl deshalb steigt mit zunehmendem Alter auch der Anteil der Jammerpilger.

Ihr könnt euch das ungefähr folgendermaßen vorstellen:

DIE LEIDEN VON DOLORES – SZENEN EINES JAMMERPILGERS

Die Jammerpilgerin, nennen wir sie Dolores, sitzt auf eine Behandlung wartend im Gang eines Kur- und Rehazentrums. Sie schnauft und seufzt.  Andere Kurgäste gehen den Gang entlang. Ihr Seufzen wird theatralischer, sobald sich die Schritte ihrem Sessel nähern. Neben sie setzt sich nun, ebenfalls auf die Physiotherapie wartend, Hartmut. Er begrüßt Dolores mit einem freundlichen Nicken. Sie lächelt gequält zurück, drückt ihre Lippen aufeinander und presst geräuschvoll die Luft durch den Spalt dazwischen. Harmut setzt sich und beginnt in einer Automobil-Zeitschrift zu blättern. Der Takt des Schnaubens und Seufzens von rechts wird immer schneller. Da fasst sich Dolores plötzlich an die Stirn, sie verdreht die Augen und ein leidiges „Ahhh…“ entfährt ihrem schmalen Mund.

„Alles gut bei Ihnen?“, fragt Hartmut.

„Ach, ja, geht bestimmt gleich wieder…..“, antwortet Dolores mit stockender Stimme.

„Ja gut, dann….“, sagt er und wendet sich wieder seinen Oldtimern zu.

„Wissed Se, mei Arthrooooose. I war ja scho letschdes Jahr hier, wega meim linga Knia. Aber jetzt isch au no ´s andere im Eimer! Des isch scho so a Sach, mit dene Knia. Mei Orthopäde sagt ja immer ,Frau Müller..‘, sagt er, ,Frau Müller, Sie müssen auf sich aufpassen!‘. Ja, des sag i meim Mann au immer, aber oiner muss halt ´s Okraut im Gärtle rausreißa, sonscht müss ´mer statt de Kohlräble (=Kohlrabi) bald no ´n Bettseucher (= Löwenzahn) dünschda! Und wissed se, meine Kohlräble, die sin des Jahr so schea gwesa, des wär scho schad drom!“, feuert Dolores eine schwäbische Salve ab.

„Hm, ja. Gemüse, ist ja auch gesund“, murmelt Hartmut und blickt Dolores mit leicht gequältem Lächeln an.

„Ja, eba! Sehad Se! Des sag i au! Aber meine Knia sin halt au nemme d Jünschde, gell. Des sind Schmerza, sag I Ihne! Wie wenn ´dr oiner nachts mit dr Schleifmascheh ins Glenk naigfahra wär. So duad des. Ja, gell, was willsch macha?“.

Hartmut schweigt. Da nähert sich vom anderen Ende des Ganges eine sehr füllige ältere Dame.

„GIIIIIEEESELAAAA! GIEEESELAAAAA! HALLOOO!“, brüllt Dolores so laut, dass Harmut die Oldtimer aus der Hand fallen.

„Ja, Dolores, da biste ja!“, hallt es von den Wänden wieder. Giesela gesellt sich zu den beiden und legt los: „Dolores, ich sach’s dir. Mein Rücken, ne, dat is ne einzige Katastrophe heute! Als wär mir einer mit dem Trecker übers Kreuz gerattert, ne!“

„Setzt die na, Giesela! Des hier isch der…äh…“, sagt Dolores mit fragendem Blick zu Hartmut.

„Siebert, Hartmut. Hallo.“, erwidert Hartmut.

„Ja, der Hartmut und i ham uns grad über mei Arthrose underhalta. Weisch, des, isch, wie wenn die einer mit de nagde Fiaß (= Bein) über dr Asphalt gschleift hätt. Des kannsch dr net vorschdella, wie des duad.“

„Ja wem sachsde dat? Ich wär heute morgen kaum vom Bett hochgekommen, so wie mein Rücken gestreikt hat! Unerträglich, is dat. Wie ne alte Frau, hab ich mich da gefühlt!“.

Da geht die Tür zu einem der Behandlungszimmer auf: „Herr Siebert bitte“, ruft der Masseur. Erleichtert erhebt sich Hartmut und winkt den beiden Damen zum Abschied kurz zu. Er hört nur noch, wie das Geschnatter hinter der geschlossenen Tür leiser wird.

Als sich dann eine Frau, um die dreißig, auf dem Gang zu den zwei Damen setzt, wird auch sie sofort in das Gespräch miteinbezogen.

„Und, warum sind Sie hier?“, fragt Giesela.

„Hüft-Op. Ich hab ein neues Gelenk bekommen“, antwortet Sabrina wahrheitsgemäß.

„Wirklich? So jung?“, sagt Dolores ungläubig.

„Ja, Rheumatoide Arthritis. Geht aber schon viel besser. Die Reha ist fast abgeschlossen.“

„Ach Mädle, i weiß genau wie du di fühlsch. Weisch, mei Dr. Lindner sagt mir, wenn es gar nemme andersch geht, brauch i au neue Glenke im Knia. Vor 5 Jahr, da bin I au no rumgspronga wie a junger Hüpfer, wie du, aber in unserm Alter isch des halt nemme so oifach. Da kamm ´mer halt ned viel macha. Schlimm isch des.“

Als Sabrina, die junge Frau, später das Kurhaus verlässt, sieht sie Giesela und Dolores im Café sitzen. Die erste ist gerade dabei, ein riesiges Stück Sahnetorte zu verputzen während Dolores sich gerade eine Zigarette dreht.

An dieser Stelle möchte ich einmal auf den Unterschied zwischen Arthrose und Rheumatoider Arthritis hinweisen. Das wird leider häufig in einen Topf geworfen, dabei gibt es entscheidende Unterschiede!

DIE ZWEI ARTEN DER JAMMERPILGER

So oder so ähnlich, laufen solche Gespräche gerne ab. Es gibt also zwei Arten von Jammerpilgern. Die, die praktisch nie krank sind und dann, wenn sie es doch mal erwischt ganz, ganz, ganz schlimm dran sind und ganz viel Mitleid brauchen – Stichwort Männerschnupfen – und die, die tatsächlich ernsthafte gesundheitliche Probleme haben, sich aber ständig, mit einer penetranten Larmoyanz darüber auslassen müssen. Dabei sind ihre Probleme natürlich immer größer als die des Gegenübers. Treffen zwei solche Kandidaten oder Kandidatinnen aufeinander, wie eben Dolores und Giesela, liefern sie sich gerne einen ausgiebigen Wettkampf, ganz nach dem Motto: je toter desto besser.

WENN SELBSTHILFEGRUPPEN ZU PILGERSTÄTTEN WERDEN

Ein Magnet für solche Leute sind anscheinend auch Selbsthilfegruppen. Meine Vorstellung von einer Selbsthilfegruppe sieht so aus, dass man sich über seine Probleme austauscht, ja, auch mal jammert und seinem Frust Luft macht, sich dann aber auch gegenseitig darin bestärkt, weiter an sich zu arbeiten, den Mut nicht zu verlieren, sich über hilfreiche und aufmunternde Therapien austauscht und das bitte in zwangloser Atmosphäre tun kann.  Und solche gibt es auch – zum Glück.

In anderen Gruppen haben leider die Jammerpilger die Oberhand, die scheinbar nur zu den Treffen kommen, um ihren ganzen Frust und ihr Elend so an den Mann bzw. die Frau zu bringen, dass auch der Rest danach am liebsten von der nächsten Brücke springen will. Das Beste an ihnen ist, dass sie immer nur die Schuld bei Anderen suchen, um offenbar bloß selber nichts für ihr Wohlbefinden tun zu müssen. „Für uns gibt’s sowieso keine Hilfe! Keiner kann uns helfen! Und kein Arzt interessiert sich für uns!“, ist ihr Credo. Und danach erstmal schön eine quarzen und ´ne Currywurst mit Cola hinterherschieben. Oh Mann, da krieg ich echt zu viel. Permanent die Klappe aufreißen, natürlich ungefragt, aber wenn’s darum geht, sich mal an die eigene Nase zu fassen – da sind dann die Arme wieder zu schwer, logisch.

Ich selbst saß mal in einer Selbsthilfegruppe mit mehreren Jammerpilgern. Egal, um welches Thema es ging, sie keiften Sätze dazwischen wie „Ach, das war bei mir noch viiiel schlimmer. Bei mir war das so….“., „Was wunderst du dich denn? Die Ärzte wollen uns sowieso nicht helfen!“ und „Das bringt alles nichts, es gibt keine Medikamente, die uns helfen können. KEINE! Wir müssen für den Rest unseres Lebens Schmerzen haben. Und niemanden interessiert’s!“. Als ich mich danach auf den Heimweg machte und mich dabei noch mit einer anderen aus der Gruppe unterhielt, lief eine der Jammerpilgerinnen uns nach und platzte dazwischen: „Wir sind alle vergiftet! Ich habe jahrelang in einer Druckerei gearbeitet, darum bin ich jetzt krank und kann nie wieder arbeiten!“. Als ich perplex erwidert habe, dass das wohl kaum für uns alle gelten könne bellte sie nur: „Umweltgifte! Das Gift ist schuld! Alles ist vergiftet, die ganze Umwelt! Keiner kann uns helfen!“. Ich bin nie wieder hingegangen, war richtig wütend, dass ich mir das anhören musste und habe mir vorgenommen, nie im Leben so zu werden wie die und zu versuchen, das Beste draus zu machen – auch, wenn das nicht immer leicht sein würde.

WENN ALLE FIBROS ZU JAMMERPILGERN GEMACHT WERDEN

Neben den Unsicherheiten und der Angst vor Mitleid, die ich in meinem letzten Artikel beschrieben habe, sind solche Menschen mit ein Grund, warum Andere nicht immer gerne zuhören, wenn es um Krankheit geht. Sie befürchten, dass sie an so Jemanden geraten, der sie ewig vollschwallt mit ihrer Leidensgeschichte. Wie die Tante Irmi eben früher, die immer nur von ihren Wehwehchen erzählte. Da möchte ich auch nur noch die Flucht ergreifen!

Als Fibro wird man oft in die Schublade „Jammerpilger“ gesteckt, leider. Von Ärzten aber auch von Leuten, die meinen, man wolle sich nur aufspielen. So wie die Jammerpilger. Auch unter Fibromyalgie-Erkrankten gibt es sie, wie woanders auch. Vielleicht sind sie dann gerade besonders laut, weil sie eben lange Zeit die Erfahrung machen mussten, nicht ernst genommen worden zu sein – und das ist selbstverständlich schlimm. Aber es bringt doch nichts, sich ständig nur im eigenen Elend zu suhlen und es anderen permanent unter die Nase zu reiben. Es zieht alle runter und führt sicher nicht zu mehr Verständnis, sondern dazu, dass Zuhörer lieber die Flucht ergreifen!

SCHLUSS MIT DER BANALISIERUNG

Aber nochmal zurück zum Anfang. Jemandem mit einer chronischen Erkrankung zu erzählen, man wisse genau Bescheid, weil man gerade eine Grippe hatte, ist einfach nur taktlos. Damit verharmlost und banalisiert man das Problem gewaltig. Für eine Zeit lang eingeschränkt zu sein ist eine ganz andere Nummer, als Tag für Tag, sein Leben lang mit Symptomen und Behinderungen umgehen zu müssen. Das ist für mich so, also würde ich nachdem ich mir ein Bein gebrochen hab‘ zu jemandem, der auf den Rollstuhl angewiesen ist sagen: „Oh man, ich weiß genau wie es dir geht! Ich fühl‘ mich total in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt!“.

Alternativen

Wenn ihr Verständnis für jemanden mit gesundheitlichen Problemen zeigen wollt, hört erst einmal zu, was der- oder diejenige zu sagen hat. Danach könnt ihr auch gerne über eure eigenen Erfahrungen sprechen. Versucht es aber zu vermeiden, solche Dinge direkt vergleichen zu wollen. Ja, eine Grippe ist kacke, aber sie geht vorbei. Jemanden mit einer chronischen Erkrankung damit vollzujammern ist taktlos. Erfahrt in meinem Bullshit-Bingo noch mehr über Sprüche, die ihr gegenüber einer chronische kranken Person besser nicht äußert und wie ihr stattdessen besser reagieren könnt.

An alle Jammerpilger möchte ich appellieren mal darüber nachzudenken, was es ihnen und anderen bringt, immer und immer wieder ihr Umfeld mit dem eigenen Elend zu überhäufen. Was hat euch das bis jetzt gebracht? Haben die Leute jetzt mehr Verständnis? Wie fühlt ihr euch danach – etwa besser? Ist wirklich alles immer nur scheiße oder steigert ihr euch da manchmal in was hinein? Hilft es euch, immer nur eure Opferrolle zu bestätigen oder gibt’s auch andere, konstruktivere Wege?

Und allen, die solchen Jammerpilgern über den Weg laufen kann ich nur raten: macht einen großen Bogen um sie oder schlagt sie mit ihren eigenen Waffen: Runzelt die Stirn, schreit ein paar Mal „Was? WAAAS? ICH KANN DICH NICHT VERSTEHEN! Da muss irgendwas an meinem Hörgerät kaputt sein! Da haben sie wohl wieder Murks gebaut im Sanitätshaus! Schlimm!“. Oder, wenn ihr ganz hart drauf seid: „Tut mir leid, ich habe nur noch wenige Wochen zu leben. Die will ich noch mit schönen Dingen verbringen.“ und lasst sie einfach stehen.

eure FibroFee

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Hier noch ein schönes und passendes Video von „The Mighty“, das den Unterschied zwischen krank sein und chronisch krank sein veranschaulicht.

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