Dr. Bullfrog

Ich ahnte nicht, dass das Klicken des dunkelblauen Griffes des Drehschlosses der Startschuss war, der mein Leben vollkommen durcheinanderwirbeln würde. In dem Moment, in dem die Wut meinen Körper flutete, wurden die Gesetze von Zeit und Raum außer Kraft gesetzt. Nur hatte ich da noch keinen blassen Schimmer. Aber alles der Reihe nach.

Als ich den Riegel im Schloss einrasten hörte, spüre ich, wie sich eine heiße, dicke und rasende Welle in mir ihren Weg bahnt. Es ist, als hätte dieses leise Klicken, dieser Kontakt des kleinen Hebels mit seinem Gegenstück in der Tür einen Schaltkreis geschlossen, durch den nun der überbordende Strom meine Synapsen flutet. Heiß und dröhnend höre ich mein eigenes Blut durch die Adern rauschen. Ich lasse mich zurück auf das kalte Holzbrett der Einzelumkleidekabine sinken und starre mit leerem Blick auf die graublaue Wand der Türinnenseite. Einen Atemzug lang. Die Arme schwer von so viel Benommenheit, dass es sich anfühlt, als wäre der gelborange Linoleumboden ein Magnet und meine Fingernägel aus Eisen, die ihm entgegenstreben. Und schon im nächsten Moment verwandelt sich die Schwere in einen Impuls, der mich wie eine Sprungfeder zurückschnellen, aufspringen lässt. Ich stampfe fest auf den Boden auf, einmal, zweimal, dreimal, so dass meine rosa Gummisohlen ein protestierendes Quietschen von sich geben, das vorwurfsvoll von den Wänden zurückgeworfen wird. Durch meinen Hals kocht sich etwas nach oben, dass sich in einem lauten Schrei bahnzubrechen sucht. Blitzschnell ziehe ich mir die Kapuze meines Bademantels über den Kopf und beiße in den weichen Frotteestoff, der meinen Schrei zu einem Grunzen abdämpft und zugleich die Schaumkrone aus meinem Mund aufzusaugen vermag.

Was zur Hölle war das gerade gewesen? Wie bin ich denn wieder in so eine Situation geraten? Und wie kann das sein, ausgerechnet hier, wo ich doch hier bin, damit ich mich erholen kann und man sich auskennt, mit diesem Krankheitsbild, das für die Meisten immer noch ein Fremdwort ist?

Ich beiße noch fester in den immer nasser werdenden Stoff zwischen meinen Zähnen. Durch meinen Kopf fliegen einzelne Wortfetzen des Gespräches, oder eher, des Monologes, den mir dieser sogenannte Kurarzt soeben an den Kopf geworfen hat. Geworfen ist gut. Eher reingewürgt. Mir wird übel, als wolle sich mein Körper dieser mir eben ungefragt eingeflößten Worte mit einem heißen Schwall wieder entledigen. Ich rülpse. Nur heiße Luft. Gut, raus damit.

Ich stand noch ganz verschwitz und nichts Böses ahnend im Warteraum. Alles um mich herum war in angenehmen Orange- und Gelbtönen gehalten. Auf einem riesigen Flachbildschirm lief eine Diashow mit Hochglanzbildern der Kuranlage. Das weiße und oben mit dunklem Holz verkleidete Kurhaus inmitten eines steilen Hanges, von aberhunderten Nadelbäumen umgeben, zu dem sich in Serpentinen eine schmale Straße emporhangelt. Direkt daneben ein Wildbach. Wasser, das die wenigen Sonnenstrahlen, die in diesen abgelegenen Talwinkel dringen, reflektiert. Der große Parkplatz davor, oben auf den Wipfeln blitzt der Schnee. Alles wirkt so ruhig, das in den Hang gebaute Gebäude so organisch, als wäre es aus dem Berg herausgewachsen und nicht von Menschenhand hineingemeißelt. Zwischen den beiden Gebäudeteilen schlüpfen ein paar schmale Schienen unter einem Holztor hervor: Der Eingang zum Berg.

Da höre ich plötzlich, wie eine Stimme meinen Namen ruft und reißt mich abrupt aus meinen Gedanken. Es ist die Stimme eines Mannes. Ich zurre nochmal das Band des Bademantels fest um meine Taille, wische mir die letzten Schweißtropfen – Nachwirkung der letzten Behandlung – aus dem Gesicht  und trete in den Flur. Dort steht ein Mann mit schütterem grauen Haar, einem kugelrundem Bauch, der seinen weißen Kittel so weit zur Seite schiebt, dass nur noch zwei schmale weiße Streifen rechts und links zu erkennen sind und einem Grinsen, dass mir zusammen mit einem Rinnsal Schweiß kalt den Rücken hinunterläuft. Unwillkürlich ziehe ich die Schultern nach oben, um es abzuschütteln. Ich hatte eigentlich die nette junge Ärztin erwartet, die mich bei meinem letzten Termin in Empfang genommen hat. Und nun dieses kalte, nasse Gefühl, dass schon jetzt zwischen meinen Schulterblättern sitzt und sich nicht abschütteln lässt. Sei mal nicht so voreilig und wart’s erst mal ab!, ermahne ich mich selbst und folge dem Mann.

Als ich über die Schwelle trete, sitzt er schon hinter seinem Schreibtisch, immer noch dieses seltsame Grinsen auf dem Gesicht. Über seinen Bauch spannt sich ein rauer Wollpullover mit graugrünem Trachtenmuster. „Fesch…!“, zischt er halblaut zwischen seinen angegrauten Zähnen hervor, ohne, dass die Mundwinkel auch nur etwas ihre Position verändern würden und mustert mich von oben bis unten. Habe ich da gerade richtig gehört?! Kurz verlangsame ich meine Schritte, während Gedanken durch meinen Kopf zucken. Ich bin so perplex, dass ich nicht sicher bin, ob ich meinen Ohren trauen kann. Schnell, denke ich. Ich habe genau zwei Möglichkeiten. Entweder, ich mache auf der Stelle kehrt und verlange nach einem anderen Arzt oder ich tue so, als habe ich es nicht gehört. Aber: Habe ich das denn wirklich gehört?

Der Mann vor mir verschwimmt und plötzlich sitzt da eine fette, schleimige Kröte. Ein dickes, braungrünes Ding mit riesigem Bauch und wässerigen Schlitzaugen, die mich fixieren. Dabei schmatzt es, mit einem widerlichen Geräusch, wobei seine klebrige, dicke Zunge kurz sichtbar wird. Ein zähes und dumpfes „Quaaaak“ dringt aus ihrem Schlund und ich starre wie hypnotisiert in die dunkle, glitschige Mundhöhle.

Da sitze ich auch schon auf dem Stuhl gegenüber. Der Moment ist verstrichen. Ich sage nur „grüß Gott“, schlage die Beine fest übereinander und lege meine Arme auf die kalten, harten Metalllehnen zu beiden Seiten. Das war ein Fehler. Mein Fehler. Die Dinge nehmen ihren fatalen Lauf.

„Junge Frau, wissen Sie eigentlich, was Fibromyalgie ist?“, dringt es gedehnt an mein Ohr, mit diesem gemächlichen Singsang, den man in dieser Region hört. Die Worte ziehen sich wie geschmolzener Käse auf einer Scheibe Brot, der nicht abreißen will zwischen dem abgebissenen Happen im Mund und dem Rest auf der Hand. Was ist das denn für eine bescheuerte Frage bitte?! Von dieser Kröte lass‘ ich mir nicht die Butter vom Brot nehmen! Los, eine eloquente Antwort muss her. Schnell.

„Ja, natürlich weiß ich das. Ich habe Bücher gelesen, ich bin seit Jahren in Selbsthilfegruppen aktiv und ich informiere mich auch online über die neuste Forschung und Entwicklung“, sage ich mit fester Stimme in das Gesicht des Ochsenfrosches. Ob das so gelungen war…?

Er schlägt meine Akte auf, wirft einen einzigen kurzen Blick darauf und sagt „Sie haben auch Migräne. Die Migräne ist für mich die kleine Schwester der Fibromyalgie.“ Quakt es und wirft einen süffisanten Blick etwas zu weit unterhalb meines Gesichtes.

„Ich habe die letzten Jahre keinen Anfall mehr gehabt. Das habe ich gut im Griff und das gehört nicht zu meinen gegenwärtigen Problemen.“

„Ah ha! Interessant! Dann haben Sie also einen Weg gefunden, diese Kopfschmerzen zu unterdrücken und das Problem hat sich einen anderen Weg gesucht. Der Körper vergisst nämlich nichts! Jetzt haben Sie vielleicht keine Kopfschmerzen mehr, dafür manifestiert sich das Problem umso stärker an anderer Stelle, wenn sie es ignorieren.“

Auf so viel Grütze war ich selbst aus dem Maul einer Kröte nicht gefasst. Wie wäre es denn mit der Erklärung, dass ich das Problem gelöst habe? Ich hole Luft, greife mit meinen Fingern fester um das kalte Metall des Stuhls und warte auf eine Gelegenheit, meine Sicht der Dinge darzulegen, aber der Riesenfrosch quakt unbeirrt weiter.

„Wissen Sie, ich habe, wie viele meiner Kollegen, die Patienten mit Fibromyalgie lange belächelt und wollte nichts mit Ihnen zu tun haben. Bis mir eine Patientin die Augen geöffnet hat.“

Oh ho! So viel Selbstkritik hätte ich dem Schleimbeutel gar nicht zugetraut. Da bin ich aber mal gespannt, was jetzt kommt.

„Und jetzt weiß ich, wie die Fibromyalgie funktioniert. Und ich weiß, wie man sie behandelt und heilen kann. Ich habe verstanden, wie sie funktioniert!“. Er legt eine dramatische Pause ein. Ich spüre, dass er den Weg zu ebnen versucht, für die entscheidende Erkenntnis.

 „Fibromyalgie ist ein Problem der Energie. Ich will Ihnen das mal erklären, schauen Sie…“.

Seine Hand nimmt einen kleinen Notizzettel vom Tisch, auf dem eine Kurve gezeichnet ist und dreht ihn um. Ich habe sowieso schon gesehen, was mit blauem Kuli darauf gemalt war. Mir schwant Böses. Mit „Energie“, kann ja alles Mögliche gemeint sein. Ich hoffe, dass er jetzt nicht mit irgendwelchen esoterischen Schwingungs-Theorien um die Ecke kommt. Mit wurstigen, zum Ende hin dicker werdenden Fingern greift Dr. Bullfrog nach einem Stift, drückt auf sein Ende, es macht „tack“ und dann legt er los.

„Schauen Sie, wenn Sie zu uns kommen, dann sind Sie hier.“

Er zeichnet ein Koordinatensystem mit einer X- und einer Y-Achse, die sich links unten auf dem Blatt kreuzen und kleckst einen dicken Punkt ganz unten auf die nach oben strebende Achse.

„Sie haben keine Energie, sind völlig am Boden. Und dann kommen Sie zu uns. Wir, wir sind die Tankstelle. Sie machen ein paar Einfahrten und tanken Energie. Dann stehen sie vielleicht hier.“

Er zeichnet eine nach oben steigende Kurve.

„Und nun kehren Sie zurück nach Hause und fallen wieder in alte Muster zurück. Jeder Mensch hat einen anderen Vorrat an Energie zur Verfügung. Das ist von der Natur aus so vorgegeben. Manche habe mehr, andere eben weniger. Und dann gibt es Forderungen von der Gesellschaft, von der Familie und von uns selber und wenn wir nun permanent versuchen diese zu erfüllen, dann passiert das hier.“

Der Stift in der rosa-fleischigen Hand zieht eine Linie nach unten. Bisher war ich allenfalls irritiert von seinen Ausführungen aber nun spüre ich, wie seine blaue Linie kurz davor ist, eine rote in meinem Inneren zu überschreiten. Aber das kann noch nicht alles sein! Ich will die ganze Geschichte hören. Nebenher rattern schon die Zahnrädchen in meinem Kopf, dass ich mich konzentrieren muss, vor lauter Rattern in mir nichts von dem Gequake vor mir zu verpassen.

„Sie versuchen sich nach oben zu hangeln, aber das klappt nicht. Das liegt nicht in Ihrer Natur. Ihr Körper versucht Ihnen die ganze Zeit etwas mitzuteilen. Die Schmerzen sagen ,hallo, hallo‘ und ,stopp‘ und Sie verstehen nicht. Sie machen einfach weiter, weil Sie denken, Sie könnten das. Und dann sind Sie irgendwann wieder am selben Punkt angelangt.“

Er drückt die Spitze des Stiftes fest auf’s Papier, auf der Höhe, wie den ersten Punkt auf der Y-Achse.

„Und dann kommen Sie zu uns. Wir sind die Tankstelle!“. Er meint „Tankstelle“ aber es klingt wie „Dankstöllö“ und ich muss innerlich hämisch auflachen, weil ich den Eindruck habe, er denkt, ich werde ihm jetzt gleich sehr dankbar sein, über so viele tolle Informationen, die er mir liefert. Aus meinen Ohren müssen mittlerweile Dampfschwaden aufsteigen, so fühlt es sich zumindest an. Ich suche fieberhaft nach schlagfertigen Erwiderungen auf diese abartig dämlichen Vergleiche. Gut, dass er alles aufmalt, sonst hätte ich seinen höchst komplizierten Ausführungen keinesfalls folgen können. Ich warte auf meinen Einsatz – auf den Moment, wenn er mich fragt, wie ich mich gefühlt habe, wie es mir ging mit meinem Aufenthalt.

Ich bin nicht zum ersten Mal hier. Das ist die Aufgabe eines Kurarztes, den Erfolg und den Verlauf der Kur zu überwachen und zu dokumentieren. Dieser Mensch kennt mich nicht, er sieht mich zum ersten Mal. Das Einzige was er vor sich liegen hat ist ein Bogen auf dem die gesundheitlichen Eckdaten vermerkt sind: Größe, Gewicht, Vorerkrankungen, Medikamente etc. Er hat mir bis jetzt eine einzige Frage gestellt – so ziemlich die unnötigste, die er sich hätte ausdenken können. Sobald er die Luft anhält, muss ich eine passende Erwiderung parat haben. Meine Gedanken sprudeln und nervös rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. Doch Ochsenfrösche haben anscheinend einen besonders langen Atem.

„Sie dürfen nicht mehr so lange Warten, bis Sie hier unten sind.“ Beharrliches Klopfen mit dem Kuli auf den Punkt im unteren Bereich der Kurve. Sie sieht genau so aus wie die, die auf dem anderen Zettel, den er zu Beginn umgedreht hatte. Es scheint, sein Standardprogramm zu sein. Seine Erkenntnisse hält er wohl für so bedeutend, dass er sie allen Patienten und Patientinnen unbedingt einbläuen muss.

„Sie müssen schon vorher zu uns kommen. Das müssen Sie jetzt lernen. Da kommen Sie dann ein, zweimal im Jahr zu uns und tanken Sprit. Sie müssen das sehen wie eine Tankstelle.“

Er redet so laut, wie das Leute in seinem Alter oft tun. Vielleicht ist er aber nicht schwerhörig, sondern hält mich einfach nur für besonders schwer von Begriff. Von jung und „fesch“ ist der Weg zu „dumm“ in seinem vertrockneten Chauvi-Hirn möglicherweise recht naheliegend. Ja okay, ich habe das Prinzip verstanden! Ich warte aber immer noch auf den entscheidenden Hinweis, diese Wunderwaffe, die er als Erster gefunden zu haben glaubt. Das anschwellende Quaken deutet auf den finalen Endspurt hin.

Die Fibromyalgie ist wie ein Burn-Out. Nur schlimmer. Ein sehr schlimmer Burn-Out quasi! Ich versuche das immer wieder meinen Kollegen klarzumachen….“.

Portionsweise quillt Gelee aus dem dicken Bauch. Eine wabbelige, übelriechende Masse, durch die Großes klein und Kleines groß erscheint, durch die das näselnde Unken etwas gedämpft wird. Es blubbert noch etwas über die unfähigen Kollegen, die einfach nicht zuhören wollen, über Patienten, die „wider ihre Natur“ leben. Die Worthülsen des Monologes reihen sich auf wie die durchsichtigen Schnüre von Krötenlaich – das einzig substanzhafte ein kleiner schwarzer Punkt in ihrem Innern. Die zähe Masse drum herum droht mir die Luft abzudrücken und meine Atemwege zu verstopfen.

„So, dann hoffen wir mal, dass Sie das nächste Mal nicht mehr so lange Warten, bis Sie die Tankstelle anfahren!“, leitet der Frosch offenbar das Ende der Predigt ein.

Das trifft mich so unvermittelt, dass ich nach dem ersten der vielen Gedanken, den ich zu fassen kriege, greife: „Und was ist dann ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen Fibromyalgie und dem Chronic Fatigue Syndrome, wenn Sie das Ganze am Energielevel festmachen?“. Prima. Super schlagfertig! Und dafür hast du dich jetzt zwanzig Minuten lang einlullen lassen?, schicke ich eine empörte Beschwerde an mein Oberstübchen. Aber zu spät.

„Ja, wissen Sie. Welches Etikett, welches Label die Schulmedizin dem Ganzen gibt, das ist mir eh einerlei. Für mich ist das alles dasselbe“ grinst’s und quakt’s und geleitet mich mit einem mitleidigen Lächeln zur Tür.

Das weiche Knäuel in meinem Mund ist schon so durchgeweicht, dass es schwer auf meiner Zunge liegt. Ich schnaube noch einmal einen erstickten Schrei hinein und spucke es aus. Das durchnässte Band baumelt traurig an meiner linken Seite herab. Wie konnte ich mir nur diesen ganzen Bullshit-Monolog anhören? Wie konnte mir das passieren? Lag es daran, dass ich noch völlig verschwitzt und k.o. von der letzten Behandlung war? Dass ich keinen Ochsenfrosch, sondern eine der netten und verständigen Ärztinnen erwartet habe, die mich bisher immer betreut hatten? Und warum setzt man so eine fette, alte, schleimige und voreingenommene Kröte in ein Sprechzimmer, die glaubt, nur weil sie sich einen weißen Kittel umgeworfen hat darüber urteilen zu können, was und wie jeder und jede, der die Schwelle ihres Sprechzimmers überschreitet, zu tun und zu lassen hat? Alle Leute hier waren bis jetzt stets sehr nett, kompetent, bemüht und herzlich gewesen, ich war absolut zufrieden! Wie auch immer… Jetzt ist es zu spät!

Ich stampfe noch einmal mit meinem Fuß auf und reiße mir grob den Bademantel herunter. Dann zerre ich meine dunkelblaue Sporttasche aus dem Spint, schlüpfe hastig in Klamotten und Schuhe. Als ich mein Gesicht abgepudert habe und versuche, den braunen Lidstrich über meinen Augen nachzuziehen kommt dabei nur eine zittrige Linie heraus. Wie eine stachelige Ranke umrahmt sie meine funkelnden Augen, deren feine Äderchen rot hervorstechen. „Mist!“, fluche ich vor mich hin, gebe es auf und stopfe die nassen Badesachen in die knisternde Plastiktüte.

Als ich aus der automatischen Glastür trete, weht mir eine würzige Prise um die Nase. Irgendwas Blumiges und gleichzeitig Herbes. Auf die Gipfel gegenüber scheint die Sonne. An den steilen Hängen schlängeln sich zahlreiche Rinnsale hinunter, die ihre Strahlen reflektieren und deren fernes Rauschen, wenn sie über den grauglitzernden Fels in die Tiefe fallen, bis zu mir dringt. Beruhigend und gleichförmig übertönt das Rauschen des Wassers das Pochen in meinem Innern, das immer noch gegen meine Schläfen drückt. Vor der Bushaltestelle stehen schon zwei Frauen mit kurzem, leicht feuchtem grauen Haar. Mit energischem Schritt, der kleine Steinchen unter meinen Sohlen vom Asphalt ins struppige Gras zur Seite hüpfen lässt, gehe ich an ihnen vorbei. Heute kein Bus. Meine Füße können jetzt auf keinen Fall stillstehen.

 Mein Blick ist auf den Wald gerichtet. Abseits der Straße führt ein kleiner Trampelpfad das Tal hinunter, hoffe ich zumindest. Gerade ist mir das aber ziemlich egal. Hauptsache Laufen. Bei jedem Tritt knirschen die vertrockneten Tannennadeln unter meinen Füßen und wirbeln einen Geruch von Harz auf. Zu meinen Seiten fliegen die Baumstämme nur so an mir vorbei. Im Inneren meine Gedanken.

Wie lange ich schon so durch den Wald stampfe, kann ich nicht sagen. Jegliches Gefühl von Zeit scheint mir abhandengekommen zu sein, als ich plötzlich innehalte. Was war das? Ich blicke nach rechts und sehe eine Reihe von Büschen mit kleinen, zarten Blättern unter denen ein leises Wispern hervordringt. Sicher nur das Rascheln einer Maus oder eines Vogels. Trotzdem bin ich neugierig geworden. Ich bahne mir einen Weg durch morsches Geäst. Da ist es wieder! Nun hört es sich tatsächlich an wie ein leises Flüstern, ganz nah am Boden. Die Äste vor meiner Nase zittern kurz, ein Huschen, das sich durch das Unterholz fortbewegt und schließlich hinter einer dichten Reihe von Buschwerk zum Stehen kommt. Ich halte inne und lausche. Jetzt höre ich es deutlich. „Pspspsps“ und „Tzitzitzi“ dringt ein leises Flüstern an mein Ohr. Dann ein Scharren und ein „Hmmmhmmmhmmm““, das sonor und weich wie das Moos unter meinen Füßen klingt und von weiter weg zu antworten scheint.

Ich blicke suchend umher, um einen Weg durch das Dickicht auszumachen. Da entdecke ich, wie links vor mir etwas mehr Licht unter einem Busch herüberblitzt. Ich knie mich auf den feuchten Waldboden, dessen Wasser mir sofort zwei kühle, dunkle Flecken rund um meine Knie verpasst und streife mir die Tasche von den Schultern.Unbedingt will ich jetzt wissen, was da auf der anderen Seite vorgeht. Ich lege mich so flach es geht auf den Boden und robbe mich langsam durch den kleinen Blättertunnel Richtung Licht nach vorne. Hier riecht es nach Pilzen – gleichzeitig moderig und angenehm einladend. Am anderen Ende angekommen ziehe ich mich mit einem Ruck an den knorrigen, rauen Zweigen nach oben und finde mich auf einer hellen Lichtung wieder. In ihrer Mitte ein Holunderbusch von einem Ausmaß, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Seine über und über mit weißen, prallen Blüten bedeckten Zweige ragen beinahe an die der am Rande stehenden Nadelbäume heran.

Mitten in dem dichten Geäst sitzt ein kleines, rothaariges Eichhörnchen, das seine puschelbesetzten Ohren spitzt und mich neugierig anblinzelt. „Da bist du ja endlich! Wir haben schon auf dich gewartet!“, sagt es, gluckst und hopst mit einem beherzten Sprung ein paar Äste weiter, dann auf den Boden, wo nur noch seine ruckende Schwanzspitze aus dem hohen Gras hervorlugt. Wie vom Blitz getroffen stehe ich da, schlage schnell die Lieder auf und zu, doch die Szenerie sieht genauso aus wie zuvor. „Los, komm!“ ruft es zwischen den Grashalmen, kichert keck und bahnt sich hüpfend seinen Weg zu einer Reihe von großen Steinen, die rechts neben dem Holunder aus dem Grün herausragen. Meine Füße folgen ihm scheinbar ohne mein Zutun. Ich bin wie hypnotisiert.

Als ich bei den Steinen angelangt bin, dringt hinter dem größten eine andere, etwas heißere Stimme dahinter hervor: „I glaub, sie muss sich erscht mal nasetzta“. Ein schwarz-weißer Kopf lugt nun über den oberen Rand des Findlings. Es ist der Kopf eines Dachses. Auch dieser mustert mich mit Interesse und trottet dann gemächlich in meine Richtung. Ja, hinsetzen scheint mir in der Tat eine gute Idee zu sein und ich weiche, noch irritierter von dem, was ich sehe und höre, etwas zurück. Ich will in die Hocke gehen, schrecke aber sofort wieder hoch, als es „Aber nicht hier!“ von unten quäkt. Ich sehe, wie mich kleine, schwarze Amphibienaugen vorwurfsvoll anfunkeln. Wenn mich nicht alles täuscht, hat da gerade ein Feuersalamander mit mir gesprochen! Ich lasse mich auf den Stein daneben plumpsen. „Dann kann’s ja endlich losgehen“ kommt es vergnügt von dem Eichhörnchen, das mir gegenüber platzgenommen hat und mit den kleinen Krallen die Haare an seinem Schwanz durchkämmt.

Jetzt ist es also so weit, denke ich. Ich bin tatsächlich verrückt geworden. Ich habe aber das unbestimmte Gefühl, dass das, was da vor mir liegt ganz schön lustig und abenteuerlich werden könnte. Und ich sollte rechtbehalten….

Dies war der erste Teil der Geschichte. Danke, dass du sie bis hierher gelesen hast  🙂 ! Bald geht es weiter und ihr werdet erfahren, was aus der illustren Runde im Wald wurde. Wenn dir die Geschichte gefallen hat, dann lass mir doch gleich einen Kommentar hier unten da oder schreib mir auf Facebook, ich freu mich!

Hier geht’s zum zweiten Teil: Von Fibromyalgie, dem Murmeltier und einer Zeitreise.

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eure FibroFee

Bild: © FreeImages.com/Karen Barefoot