Fibromyalgie und mein Leben im Paralleluniversum

Vielleicht hat sich die eine oder der andere schon gefragt, was es mit dieser Kategorie „Paralleluniversum“ auf sich hat. Hier findet ihr nicht nur die Texte, die nicht Teil meines Fibromyalgie-Bullshit-Bingos sind. Hier findet ihr Texte, die beschreiben, wie mein Alltag, mein Leben und meine Gefühle mit einer chronischen und (meist) nicht sichtbaren Erkrankung aussehen. Sehr oft fühle ich mich, als würde ich in einem Paralleluniversum leben – irgendwie scheint alles gleich, bis auf diesen einen Unterschied, der mein Leben aber komplett verändert. Das Lustige, oder auch das Traurige daran: praktisch keiner um mich herum bekommt etwas davon mit, außer sie oder er kennt meine Diagnose – aber nicht mal dann unbedingt.

Ich fühle mich in vielen Situationen, wie ein sehr gut getarntes, integriertes Alien. Ein Wesen von einem anderen Stern,  unter lauter Erdlingen, das ihnen von außen gleicht aber eigentlich eine ganz andere Sprache spricht. Eine Bittermandel im Studentenfutter. Ein anonymer Alkoholiker auf dem Bockbierfest. Man ist zwar da, man darf zwar dabei sein, aber nie wirklich mitmachen. Oder besser, man kann nicht. Weil man eben nicht so ist wie der Rest.

DER GEBURTSTAG

Erst vor Kurzem hatte ich wieder so ein Erlebnis, bei dem ich mich gefragt habe, wie man sich in ein und demselben Raum und doch in einer scheinbar entfernten Galaxie befinden kann.

Ich war zu einem Geburtstag eingeladen. Zum Glück war nur gemütliches Beisammensein zu Hause geplant und keine große, laute, ausschweifende Party. Super, dachte ich, da kann ich auch gut mitmachen, wenigsten eine Weile. Ich kam an, die Stimmung war gut, es war alles sehr gemütlich, die Leute entspannt. Viele von ihnen hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen. Ich unterhielt mich mit den Leuten und einige erzählten von ihrer noch recht neuen und anstrengenden Zeit im Lehramts-Referendariat. Ich war neugierig, denn ich wusste nur ungefähr, wie so etwas abläuft und wollte mehr darüber wissen. Irgendwann wurde auch ich gefragt, wie es denn mit meiner Abschlussarbeit so laufe. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass es in letzter Zeit schleppend vorangehe, weil es mir gerade nicht besonders gut gehe. „Und, wann bist du dann fertig?“, kam die unweigerliche und für mich immer sehr nervige Frage. Meine Standardantwort seit Langem „Keine Ahnung. Ich muss halt schauen, wie es so geht und wie ich vorankomme. Da hab ich oft wenig Einfluss drauf.“

FRUST UND ÄNGSTE

Und damit war das Thema für mein Gegenüber wieder einmal erledigt. Ich nahm das zur Kenntnis, wunderte mich zwar kurz, dass keine Nachfrage mehr kam und erzählte dann, dass ich bald in den Urlaub fahren würde und hoffe, dass es mir danach besser gehen würde. Schade. Ich hätte gern ein bisschen mehr von meinem Alltag erzählt, der zugegebenermaßen, verglichen mit anderen in meinem Alter, etwas langweilig ist, aber es hätte mir geholfen, kurz von meinem Frust zu erzählen. Davon, dass ich mich häufig nicht konzentrieren kann und die vielen wissenschaftlichen Texte in mehreren Sprachen mir zurzeit regelmäßigen einen Knoten ins Gehirn machen. Nicht, weil ich das prinzipiell nicht kann, sondern weil mir die Fibro eben grade wieder einmal einen Strich durch die Rechnung macht. Oder von meiner Angst und meiner Verunsicherung darüber, dass ich eben nie sagen kann, wann genau ich etwas Bestimmtes auf die Reihe bekomme. Da meine Gesprächspartner für mich aber kein Interesse signalisierten, beließ ich es dabei. Der Abend lief weiter mit Gesprächen um die Uni, das Referendariat, geplante Freizeitaktivitäten.

VON WINDPOCKEN UND ANDEREN KINDERKRANKHEITEN

Da trafen noch weitere Gäste ein. Als eine Bekannte, Ellen, den Raum betrat, war mir beim ersten Blick in ihr Gesicht klar: „Oh! Sie hat nicht gut geschlafen. Sie muss sehr müde sein.“ Dafür habe ich einen Blick. Den kann ich schließlich seit Jahren trainieren, wenn ich in den Spiegel schaue. Ich kann an jedem Fältchen, an der Farbe der Schatten unter meinen Augen ablesen, wie es um meinen Energiestatus gerade so bestellt ist. Auch, wenn andere Leute immer wieder behaupten, ich würde so frisch und gesund aussehen und ich mir dann immer denke „Hallo? Hast du keine Augen im Kopf?!“. Die Menschen, die mich wirklich kennen, die sehen sofort, wenn es mir nicht gut geht. Auch, wenn ich mich mit anderen Fibro-Patienten persönlich ausgetauscht habe sehe ich diese kleinen Zeichen in ihren Gesichtern. Sie sind zwar unauffällig, aber sie sind da, man muss nur hinschauen. Insofern stimmt für mich die Annahme, man könne einem Fibromyalgie, CFS oder andere chronische Erkrankungen nicht ansehen, nur bedingt. Klar, die Anzeichen sind weniger auffällig, aber ich denke, die meisten Leute müssten nur ein wenig aufmerksamer sein, um mehr vom Befinden ihrer Mitmenschen mitzubekommen.

Aber zurück zu Ellen. Sie hatte auch ihren Freund dabei. Ich hatte schon im Vorfeld mitbekommen, dass ihn die Windpocken erwischt hatten. Er hatte sie als Kind nie gehabt. Und wie man weiß, können Kinderkrankheiten bei Erwachsenen mitunter deutlich schlimmer verlaufen. Er hatte noch sichtbare Spuren im Gesicht, war aber laut Arzt nicht mehr ansteckend. Alle wollten wissen, wie es ihm ergangen war. Auch ich war total gespannt, was er so erzählte. Nicht nur, weil ich da mal erfahrungstechnisch mehr mitreden konnte, als bei vielen der anderen üblichen Gesprächsthemen. Er sprach von den Horrorgeschichten, die ihm von Anderen, die es im Erwachsenenalter erwischt hatte, erzählt wurden. Er hatte aber Glück gehabt und es war ihm nur kurz schlecht gegangen und hatte dank schneller Diagnose eine gute Behandlung. Dann witzelten wir über die Bilder von seinem pusteligen Gesicht, auf denen er etwas zombie-mäßig aussah. Alle packten Storys von ihren Erfahrungen mit Kinderkrankheiten aus: ein Schwanken zwischen Ernst und Belustigung, aber insgesamt ziemlich unterhaltsam.

SCHLAFLOS DURCH DIE NACHT

Danach war dann Ellen an der Reihe. Sie erzählte von den vergangenen Tagen, in denen sie sich auf eine stressige Unterrichtsprüfung hatte vorbereiten müssen. Und dass sie die Nacht zuvor kaum geschlafen hatte. Wie sie im Bett gelegen hatte und ihr Herz zu schnell schlug, um einschlafen zu können. Als wie beklemmend sie das Gefühl empfunden hatte, dass ihr Körper so gar nicht das machte, was er eigentlich sollte und wie wenig Einfluss sie darauf nehmen konnte. Wie sie Entspannungsübungen machte, die rein gar nichts halfen. Wie ihr Freund ihr riet, ein Hörbuch zu hören und wie sie schließlich um halb vier Uhr morgens immer noch wach lag mit der Aussicht, in weniger als drei Stunden schon wieder das Weckerklingeln zu hören. Und wie sie am nächsten Tag nur noch einfach alles hinter sich bringen wollte und sich gefühlt hatte, als würde sie neben sich stehen, als wäre sie nicht mehr sie selbst. Wie froh sie sei, wenn sie später ins Bett fallen würde und das hinter sich lassen könne. Alle um sie herum hörten zu, sprachen ihr ihr Verständnis aus, bestätigten, dass das sehr hart gewesen sein müsse.

INNERE LEERE UND LEISE DETONATION IM PARALLELUNIVERSUM

Während sie so erzählte, wurde es in mir ganz leer. Es fühlte sich an, als würden ihre Worte in meinem Inneren wiederhallen, wie in einer großen, kalten und feuchten Höhle voller Tropfsteine. Ich fühlte mit ihr, weil ich die Ohnmacht und die Gefühle, über die sie redete, nur allzu gut kannte. Ich hörte ihr zu und sah vor mir den Film meines eigenen Alltags ablaufen, der so oft genauso aussieht, wie sie es gerade beschrieb. Einen Alltag, den kaum jemand zu Gesicht bekommt.

Für einen Moment war ich wie gelähmt. Ich hörte das Stimmengewirr um mich herum, die Erwiderungen, die Anteilnahme der Anderen und in mir war es, als wäre eine Bombe eingeschlagen. Eine Detonation, die über die Grenzen meines Körpers niemand hörte und die mein Herz nun bis zum Hals schlagen ließ. Ich war nicht wütend, ich war nicht neidisch. Ich mag Ellen und ich konnte so gut nachvollziehen, wie sie diesen Tag erlebt hatte. Ich glaube, ich war in dem Moment einfach viel zu überrumpelt von den Reaktionen der Umstehenden. Die haben nämlich mit sehr viel Verständnis und Empathie reagiert – zum Glück! Gleichzeitig brach sich aber auch die Frage in mir Bahn, wieso ich so etwas in der Form noch nie erfahren habe? Wie es sein konnte, dass bei ihr und ihrem Freund alle plötzlich so viel Anteil nahmen? Wie war es möglich, dass nun Gespräche über gesundheitliche Probleme so einfach waren?! Und wie sollte ich nun reagieren?

Ich wollte ihre Worte nicht ohne eine mitfühlende Reaktion stehen lassen, wie ich es so oft erfahren habe. Es fiel mir aber, das gebe ich offen zu, auch schwer, weil ich das von ihr Geschilderte nun einmal tagtäglich selbst erlebe und ich wusste, für sie würde der ganze Spuk schnell wieder vorbeisein. Der vorlaute Teil in mir hätte am liebsten gesagt: „Echt Scheiße, ich weiß genau, wovon du sprichst! So geht’s mir auch – jeden Tag!“. Aber das hätte man vielleicht schnell in den falschen Hals bekommen können. So, als ob ich ihr Problem kleinreden wollen würden. Auch, wenn es mir darum überhaupt nicht ging. Auch, wenn ich es geschafft hätte, das in einem versöhnlichen oder heiteren Tonfall zu sagen. Also sagte ich nicht sehr laut: „Ja, das kann ich gut verstehen. Das war sicher nicht einfach.“

Doch das Gefühl in mir blieb. Das Gefühl der Leere. Das Gefühl nicht wirklich dabei zu sein. Das Gefühl anwesend und doch unsichtbar zu sein. Ein Gefühl in einem parallelen Universum zu leben, in dem ganz andere Maßstäbe angelegt werden, ganz andere Gesetze herrschen und über das kaum jemand spricht. In dem Universum der „Normalos“, gab es keinen Raum für meine Probleme – so fühlte es sich in dem Moment zumindest an.

Gleichzeitig saß ich aber auf dem Sofa, meine Gedanken rasten und ich habe mich gefragt, was kann ich jetzt, in diesem Moment tun, um dieses Gefühl loszuwerden? Was kann ich jetzt, sofort sagen, damit das nicht wieder passiert? Gibt es eine Möglichkeit in der Welt der „Normalos“ sichtbar zu werden? Habe ich irgendetwas falsch gemacht und wenn ja, wie verdammt nochmal kann ich es anders machen? Diese Fragen haben mich noch tagelang beschäftigt und dieses seltsame Gefühl hat mich noch eine Weile begleitet. Ich kann nicht behaupten, schon zu einer zufriedenstellenden Antwort gekommen zu sein. Das hält mich dennoch nicht davon ab, weiter darüber nachzudenken.

WARUM ICH FÜR VERSTÄNDNIS EINTRETE

Ja, immer wenn ich über so etwas berichte, dann ist eine bestimmte Sorte Kommentare vorprogrammiert. Leute schreiben, ich solle nichts mehr von anderen Menschen erwarten. Denn solche Situationen begegnen uns Fibros sehr oft. Ich solle nicht auf Verständnis hoffen, denn wer nicht selbst betroffen sei, könne uns sowieso nicht verstehen und so weiter und so fort… Wenn jemand sagt, dass er nicht genug Energie hat oder diese nicht einsetzen will, um gegen Unverständnis anzukämpfen, dann kann ich das verstehen. Ich verurteile niemanden dafür, das muss jeder selbst für sich entscheiden.

Ich für meinen Teil bin mir aber über folgende Dinge für mich sehr klar:

  1. Ich kämpfe nicht GEGEN Unverständnis sondern FÜR mehr Verständnis. Das macht für mich einen Unterschied.
  2. Es geht nicht nur darum, dass es mir in solchen Situationen besser geht. Ich bin der Meinung, dass es allen Menschen gut tut, wenn sie sensibler werden im Umgang mit Erkrankungen, Einschränkungen, Behinderungen oder sonstigen Abweichungen von der Norm, seien sie nun physischer oder psychischer oder sonstiger Natur. Früher oder später wird jeder Mensch, besonders in einer alternden Gesellschaft, mit Krankheit konfrontiert werden. Und da kann es nur von Vorteil sein, sich darüber zu informieren, aufgeschlossen und besser vorbereitet zu sein.
  3. Wenn ich aufhören würde, mir darüber Gedanken zu machen, was ich selbst tun kann, um meine Situation zu verbessern und sie anderen verständlicher zu machen, dann würde ich depressiv werden. Mir ist klar, dass ich über viele Dinge keine Kontrolle habe und sie nicht alleine ändern kann. Aber auch, wenn ich nur etwas Kleines verändern kann, hilft es mir zu wissen, dass ich wenigstens das getan habe oder wenigsten versucht habe zu tun, was in meiner Macht steht.
  4. Um solche Probleme im Zusammenleben zu lösen und mehr Verständnis zu erreichen ist eine Sache essentiell: reden, reden, reden. Darum glaube ich, dass es hilft, darüber zu sprechen. Mit der Kommunikation fängt alles an. Viele Menschen reagieren mit Unverständnis, weil sie es nicht besser wissen. Ich weiß, dass da nicht zwangsläufig böser Wille dahinter steckt. Doch manchmal brauchen sie einen Schubs von außen um sich zu informieren und ein Problem, das nicht ihr eigenes ist, zu erkennen. Und selbst wenn sie sich schon einmal mit diesem Problem auseinandergesetzt haben, haben sie es vielleicht noch nicht ganz verstanden oder verinnerlicht oder vergessen es in dem Moment.
  5. Kann sich meiner Meinung nach nichts an der Situation ändern, wenn ich nicht selbst bereit bin für Veränderungen. Ich kann immer nur bei mir anfangen. Es mag sein, dass ich in der Situation anders hätte reagieren können, damit die Sache für mich besser gelaufen wäre. Ich fange damit an, mir hier, in meinem Blog klarer darüber zu werden, vielleicht jemanden zum Nachdenken oder gar Umdenken zu bringen und vielleicht auch einen guten Ratschlag von euch zu bekommen.

Also lasst mir doch einen Kommentar hier unten da oder schreibt mir, ich würde mich freuen!

eure FibroFee

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Bild ©: Designed by Gluiki / Freepik

12 Replies to “Fibromyalgie und mein Leben im Paralleluniversum”

  1. Ihr Lieben, auch wenn der Post schon etwas älter ist darf ich vllt trotzdem noch was dazu schreiben 😉
    Ich hab keine Fibro, allerdings sehr ähnliche Beschwerden (bedingt durch eine Schwermetallvergiftung und Stoffwechselstörung) ich kenne sie auch, die Mitmenschen, die sich nicht interessieren oder einen gar nicht wahr nehmen oder aber schlaue Kommentare abliefern (ich entgifte sein fast 2 Jahren, bin seit 3 Jahren ziemlich außer Gefecht gesetzt, manche Tage ist alles zuviel… ihr kennt das die ewige bleierne Müdigkeit, Schmerzen) ‚bist du immernoch krank‘ ‚das wird wohl auch nicht mehr besser bei dir‘ … ich würd mal sagen: bisschen viel Meinung für so wenig Ahnung!
    ich möcht euch gern einen Satz dalassen, den mir eine Freundin geschickt hat, nachdem ich wieder mal so ein Erlebnis hatte:
    Sei stolz darauf wer du bist, denn niemand außer dir weiß wieviel Mut, Kraft und Tränen es dich gekostet hat da zu sein wo du jetzt bist ❣
    Alles Liebe für Euch!
    Natalie

    1. Liebe Natalie, danke dir für deine Worte, die Mut machen! Da hast du mit ähnlichen Symptomen und auch Reaktionen umzugehen, wie wir Fibros. Haha, das mit „viel Meinung für wenig Ahnung“ passt sehr gut :P. Aber du sagst es: in allererster Linie sollten wir uns selbst wertschätzen und uns keinen Quatsch einreden lassen ;). Alles Liebe auch für dich!

  2. Hallo und guten Morgen……
    Ich war gestern auf eiber Hichzeit eingeladen, heute früh finde ich Deinen Text……
    Warst Du gestern auch da? 🙈
    Genauso war es gestern…..ich war wohl da, vielleicht doch nicht…..
    „Warum tanzt Du denn nicht? Ist alles ok, Du guckst so komisch“
    Die, die fragten, wissen um mich, aber warum sollte man wirklich ernsthaft Interesse zeigen?
    Statt dessen hört man sich die Krankheitsgeschichten der anderen an, denen es ja allen viel viel schlimmer geht, meinen sie. Wie sollen sie das aber wissen, wenn keiner weiß, wie es mir geht? Und es eigentlich keinen interessiert?
    Jaaaa, würde man an Krücken gehen, dann ja, aber so.
    „Du siehst ja wieder toll aus. Warum sitzt Du denn so viel? Trink doch auch mal was!“
    Man sitzt also, guckt, hört Musik aus der eigenen Sturm-und Rangzeit, erinnert sich daran, wie es damals war, ist traurig und geht letztendlich nach Hause…….

    1. Liebe Susanne. Oh man, das klingt wirklich sehr ähnlich. Aber nein, ich war nicht da ;). Eine typische Situation, für Leute mit einer unsichtbaren Erkrankung/Behinderung. Ich gehe immer mehr zu ziemlich direkten Antworten über, wenn ich so etwas gefragt werde. Etwa „Ich trinke nicht, weil sich das nicht mit meinen Medikamenten verträgt“ oder „Ich bin krank und habe Schmerzen. Da bin ich froh, dass ich überhaupt hier sein kann.“ Die Reaktionen sind zwar meistens nur überraschte Gesichter, auch da wird in der Regel nicht näher drauf eingegangen, aber dann ist wenigstens Ruhe. Ich weiß aber, dass man von solchen Sprüchen oft überrumpelt ist. Je mehr Antworten ich im Geist parat hab‘ und je öfter ich solche Situationen erlebe und durchspiele, desto leichter fällt es mir, ehrlich zu antworten. Und ohne direkte Erklärung verstehen es die Leute offenbar leider nicht. Ich finde es mittlerweile sogar lustig, wie ich andere mit Direktheit „Schocken“ kann und bin schon vorher auf ihre Reaktionen gespannt. Der Galgenhumor macht es zumindest für mich etwas leichter. Ich hoffe, dass du dir in Zukunft weniger solche Sprüche anhören musst. Und wenn nicht, dann denkt dran, dass du damit nicht alleine bist! Ganz liebe Grüße

  3. Kenne diese Situationen zur Genüge.
    Ein Teil von mir spürt dabei Wut, ein anderer „vernünftiger“ Teil intellektualisiert die Szenerie (ähnlich wie Du in Deinem Text). Wieder andere möchten um Hilfe und „gesehen werden“ schreien, und dann gibt es noch die, denen die eigene Schwäche unangenehm ist. Von allem etwas.
    Ich befürchte, mehr als zu erkennen und anzuerkennen, was da in uns genau passiert, können wir nicht machen.
    Ändern können wir die Sichtweise der anderen wahrscheinlich nicht …
    Vielleicht sind „Krankheitsstorys“ für „normale“ Menschen eben nur interessant, wenn sie als vorübergehende Ausnahme auftauchen oder sonstwie spektakulär im Vergleich zum Normalzustand erscheinen, oder, wenn man selbst betroffen ist.

    Wenn man nicht gerade einen merkwürdigen Fetisch hat ;-), ist es vielleicht sogar eine Art natürliche Reaktion der Menschen, dauerhaft erkrankte Artgenossen zu meiden, mindestens aber zu ignorieren … ist vielleicht evolutionstaktisch geschickter …? nur so als Gedanke …
    evtl. ist das hilfreich, sich zu sagen, dass es nichts mit einem selbst zu tun hat, wenn andere mit „viel weniger Leid“ unverhältnismäßig viel „Mitleid“ bekommen.

    Ich weiß nicht, ob es sinnvoll oder hilfreich ist, zu versuchen, die Perspektive der „Normalen“ ändern zu wollen.

    Vielleicht hilft es DIR, dass zumindest ICH (und bestimmt noch viele andere) es mehr als beachtlich finde, dass Du als so junger Mensch mit dieser Krankheit überhaupt die Kraft aufbringst, eine solche Party zu besuchen, ein Studium (irgendwie) zu wuppen, ein Blog mit hervorragenden Texten zu schreiben und auch positiv in die Zukunft zu gucken – das wird Dir garantiert nicht jeden Tag gelingen oder leicht fallen, aber anderen Betroffenen hilfst Du damit, und die brauchen dringender solche Perspektivwechsel als die „Normalen“ … 😉

    Liebe Grüße und weiterhin viel Glück und Erfolg für Dein Blog!
    es grüßt myyzilla

    1. Liebe myzilla,

      erst einmal danke für deinen ausführlichen und einfühlsamen Kommentar!

      Du beschreibst es gut, wie verschiedene „Persönlichkeiten“ quasi im Innern miteinander ringen. Genau, für sich selbst die Situation zu verstehen und zu analysieren, hilft oft, ein wenige Abstand zu gewinnen und auch Dinge nicht immer persönlich zu nehmen. Damit haben wir erst mal was an unserer eigenen Perspektive geändert – und ich schätze, das ist das Beste, was wir in dem Moment tun können, damit es uns besser geht.
      Und ja, für die meisten Menschen scheinen solche Geschichten uninteressant zu sein, wenn sie nicht selbst betroffen sind oder es keinen „sensationellen“ Teil darin gibt. In mancherlei Hinsicht könnte das von Vorteil (gewesen) sein (zu viel Leid ist schließlich auch für die eigene Psyche nix), möglicherweise, aber aus anderer Perspektive, gerade heute in einer aufgeklärten und alternden Gesellschaft, finde ich es doch häufig einfach unklug ;). Es kommt wohl immer drauf an, wie man damit umgeht, ob man etwas für sich „mitnehmen“ kann.
      Der letzte Teil deiner Nachricht hat mich sehr gerührt – danke dafür! Und ja, es gibt sehr viele Tage an denen mir nichts davon leichtfällt. Und du hast vollkommen recht, am meisten Ansprache und Verständnis brauchen andere Betroffene – dafür lohnt es sich :))).
      Viele liebe Grüße zurück von der FibroFee!

    2. Hallo Myyzilla und Fibrofee,
      was mir dabei auch noch durch den Kopf geht… ich habe viele Jahre Schmerzen immer wieder verdrängt, weil ich ein Workaholic war (fällt mir immer noch verdammt schwer, in gedrosseltem Tempo weiter zu leben) und ich mir Schmerzen einfach nicht leisten konnte (Arbeit, kleine Kinder usw.). Habe erst angefangen, darüber zu sprechen, als die Schmerzen an meinem Arbeitsplatz unerträglich wurden (Stress, lange sitzen, starre Haltung, Anspannung).
      Die engsten Freunde fragen ernsthaft besorgt, wie es einem geht. Die oberflächlichen Bekanntschaften interessiert es nicht wirklich – sobald sie hören, dass es einem nicht gut geht, suchen sie sich schnell einen anderen Gesprächspartner oder wechseln rasch das Thema.
      Und dann sind da noch die, die einen anschauen und einen auffordern, nicht so ernst oder böse zu gucken. Klar, also Lächeln aufgesetzt und die Welt ist wieder in Ordnung!

      1. Hallo Tina, ich denke, so wie es dir ging, geht/ging es vielen, mit Fibromyalgie. Denn gerade wenn man eine Person mit viel Tatendrang ist, kann man solche Einschränkungen schwer akzeptieren, was dann natürlich zu einem Teufelskreis führt…Ich hoffe, du konntest da inzwischen ausbrechen :-)! Und ja, da hast du exakt die häufigsten drei Reaktionen beschrieben! (Ich hoffe, der letzte Satz war auch ironisch gemeint ;-)). Mich überrascht es immer wieder, dass die Leute am Ende nicht selten nicht in die Kategorie gehören, in denen ich sie vorher einsortiert hätte. Das ist manchmal enttäuschend und andererseits schön zu sehen, dass Leute, von denen man es nicht erwartet hätte oder die man gar nicht gut kennt, ernsthaftes Interesse zeigen.

  4. Ich habe mich selbst dort sitzen sehen, irgendwie unsichtbar, niemand auf der Party nimmt einen ernst (Das wird schon…) und manche nehmen einen nicht mal wahr… Ich habe auch schon oft gedacht, warum ist das so, dass man kaum wahrgenommen wird, obwohl man doch präsent ist. Was macht Unscheinbarkeit aus? Viele Fragen…

    1. Danke Tina, für deinen Kommentar. Diese Fragen sind nicht einfach zu beantworten. Mir scheint, dass zu viele Menschen immer auf diejenigen schauen, die ihre Klappe ganz weit aufmachen. Als würde das eine Aussage über die Qualität des Redebeitrages zulassen….da sollte es doch auch andere Lösungen geben ;).

  5. Hallo Fibrofee,

    Das ist super geschrieben, ich glaub du hast den meisten von uns damit aus dem Herzen gesprochen.
    Bei unseren Mitmenschen kann ich es zum Teil noch ein wenig verstehen,
    aber bei der Fraktion „WEIßKITTEL“, die überwiegend der Meinung sind, dass es die FIBRO nicht gibt, fehlt mir JEGLICHES Verständnis 😡
    Ich glaube wenn von dort endlich ein einheitliches Akzeptieren kommen würde, wäre es auch für die Menschen in unserem Umfeld leichter zu verstehen oder zumindest mal es ein wenig mehr zu akzeptieren.

    Lieben Gruß
    Rosi 💕

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