Wie neue Schmerzmittel entwickelt werden und warum Forschung die beste Medizin ist

Männer in gelbem Gummi und Frauen in grauem Satin

/Anzeige*/Kooperation/ Wie sieht die Suche und Entwicklung neuer Schmerzmittel aus, nicht nur für Fibromyalgie? Vielleicht gibt es dort Männer in langen, schwarzen Mänteln, die mysteriöse rote und blaue Pillen anbieten? Oder sind es doch eher Typen in gelben Gummianzügen und Mundschutz, die in unterirdischen Laboren voller Schläuche und schimmernden Edelstahltanks unbekannte Substanzen anrühren? Und warum bitte habe ich solche Assoziationen, bei denen immer irgendwelche vermummten Kerle mit dubiosen Stoffen hantieren –  Matrix und Breaking Bad lassen grüßen?!

Ich schätze, das liegt daran, dass ich von der Arbeit an Medikamenten kein konkretes Bild im Kopf hatte. Und dass mir – und euch vielleicht auch – die Firmen, die Schmerzmittel entwickeln, so wenig greifbar, ziemlich geheimnisvoll und ja, vielleicht auch ein wenig evil erscheinen mögen.

Aber: wie sieht die Realität aus?

Die Realität ist eine blond-gelockte, freundliche Frau in grauem Satinoberteil. Diese Frau ist die Forscherin Katrin Fleischer von der Firma Grünenthal. Das ist ein Pharmaunternehmen, das an der Entwicklung von neuen Schmerzmedikamenten forscht und in Zusammenarbeit mit medizinischen und universitären Einrichtungen daran arbeitet, die Entstehung von Schmerz besser zu verstehen.

Mein Blick hinter die Kulissen der Schmerzforschung und eure Fragen

Im Rahmen der Kampagne „Forschung ist die beste Medizin“ hatte ich die seltene Gelegenheit, denen über die Schulter zu gucken, die neue Medikamente entwickeln. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) hat mich und andere Blogger*innen und Youtuber*innen hierfür eingeladen, die Arbeit der Pharmaforschung besser kennenzulernen.

Diese Gelegenheit habe ich genutzt, um mein Bild von der Entwicklung von Schmerzmitteln zu überprüfen und eure Fragen zum Thema Schmerzforschung zu stellen. Auf Facebook und Instagram konntet ihr mir eure Anliegen in den Kommentaren dalassen – und das ergab reichlich Stoff für unser Gespräch.

Im Video seht ihr, was dabei herausgekommen ist. Und hier im Text gibt`s ergänzend dazu Antworten auf die Fragen, die keinen Platz im Video gefunden haben. Los geht`s!


Schmerz – die unterschätzte Volkskrankheit

FibroFee: Chronische Schmerzen sind eine kaum wahrgenommene Volkskrankheit. 12-15 Millionen Deutsche haben länger andauernde oder wiederkehrende Schmerzen und 4-5 Millionen sind durch chronischen Schmerz stark beeinträchtigt (Quelle: Deutsche Schmerzliga). Was glauben Sie: Wie kommt es zu der Kluft zwischen der großen Anzahl Betroffener und der vergleichsweise geringen Aufmerksamkeit für Schmerzkrankheiten?

Katrin Fleischer: Ich denke, das hat vor allem mit drei Faktoren zu tun. Schmerz an sich ist nicht unmittelbar lebensbedrohlich und bekommt dadurch weniger Aufmerksamkeit als beispielsweise Krebserkrankungen, obwohl er das Leben der Betroffenen enorm belastet. Außerdem ist Schmerz unsichtbar. Das heißt, solange er nicht kommuniziert wird, bekommt die Außenwelt kaum etwas davon mit. Schmerzpatienten*innen sind es gewohnt, ihre Symptome zu verbergen und trotzdem zu funktionieren – somit fallen die Einschränkungen weniger auf, auch wenn der Schmerz enorm ist. Zuletzt wird Schmerz immer noch häufig als bloßes Symptom abgetan. Darüber, dass Schmerz eine eigenständige Erkrankung sein kann, ist wenig bekannt.

Faszination Schmerz – Warum und wie eine Biologin Schmerzmittel entwickelt

FibroFee: Was fasziniert Sie am Thema Schmerz? Warum haben Sie sich für die Arbeit entschieden, die Sie machen?

Katrin Fleischer: Als ich als Biologin von der Uni abging, war mein Interesse für Medikamentenentwicklung groß. Mich hat besonders interessiert, wie man das Leiden von Patienten*innen lindern kann und wo es den größten Bedarf dafür gibt. In Kontakt mit dem Thema Schmerz bin ich dann erst hier bei Grünenthal gekommen. Vorher war ich mir nicht darüber bewusst, welch enormen Forschungsbedarf es in diesem Bereich gibt. Meine Sicht auf das Thema Schmerz hat sich seither deutlich gewandelt.

FibroFee: Inwiefern? Was haben Sie durch ihre Auseinandersetzung mit dem Thema dazugelernt?

Katrin Fleischer: Mir ist klargeworden, dass es im Hinblick auf das Thema Schmerz in mehreren Bereichen Bedarf gibt: sowohl Bedarf an innovativen Medikamenten als auch Bedarf an Aufklärung der Gesellschaft. Durch den Kontakt mit Patienten*innen habe ich ein ganz anders Bewusstsein hierfür bekommen.

FibroFee: Woraus besteht Ihre Arbeit bei Grünenthal?

Katrin Fleischer: Ich bin Projektleiterin, quasi die Schaltzentrale eines großen Teams, das Schmerzmittel entwickelt. Das heißt ich koordiniere, plane und sorge dafür, dass die Kommunikation innerhalb des Teams funktioniert. Das besteht aus Leuten, die sehr unterschiedliche Hintergründe haben, weil man für die Entwicklung eines Arzneimittels viele verschiedene Kompetenzen braucht. Die Zusammensetzung des Teams ändert sich je nach Entwicklungsphase und der darin benötigten Fähigkeiten. Da sind zum einen die Naturwissenschaftler*innen, wie Chemiker*innen, Mediziner*innen oder Pharmazeuten*innen. Diese arbeiten an der Konzeption von klinischen Studien oder am Wirkstoff selbst. Andere Teammitglieder treten in Kontakt mit Patientenorganisationen. In der letzten Phase sind dann Leute an Bord, die sich um die Markteinführung kümmern und zum Beispiel prüfen, ob ein Medikament die Zulassungskriterien erfüllt. Ich habe von all diesen Dingen ein grundlegendes Verständnis und bin sozusagen die Bauleiterin des großen Hausbauprojekts namens „Schmerzmittelentwicklung“.

Warum ein Schmerzmittel zu finden der Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht

FibroFee: Wie findet man überhaupt einen Wirkstoff, der für ein Schmerzmittel geeignet ist?

Katrin Fleischer: Das ist ein langer Prozess, der mit viel Laborarbeit beginnt. Die Basis für die Entwicklung eines neuen Medikamentes ist immer das Verständnis für die Krankheit. Gibt es neue Erkenntnisse darüber, wie ein bestimmtes Krankheitsgeschehen auf molekularer Ebene funktioniert, dann können wir nach einem Angriffspunkt suchen, wo unser Wirkstoff ansetzen könnte. Diese Punkte sind unser Zielmolekül, auch Target genannt. Im Labor werden dann sogenannte High-Throughput-Screenings (Massentests) mit tausenden von Wirkstoffen durchgeführt, um eine Substanz zu finden, die auf gewünschte Weise mit unserem Zielmolekül reagiert. Es werden Wirkungstests gemacht und die potentiellen Kandidaten werden chemisch immer weiter optimiert.

FibroFee: Das erklärt, warum die Entwicklung von neuen Schmerzmitteln so lange dauert und so schwierig ist, oder?

Katrin Fleischer: Ja, die Suche nach einem Wirkstoff, der genau das macht, was er soll, ist langwierig und viele potentielle Kandidaten scheiden schon in der allerersten Phase aus. Der Wirkstoff muss sehr viele Voraussetzungen erfüllen, etwa tatsächlich zum Zielort der Schmerzen im Körper gelangen und möglichst wenige Nebenwirkungen haben. Von 5.000-10.000 hergestellten und untersuchten Substanzen bleibt im Schnitt nur eine einzige übrig, die zum Wirkstoff in einem marktreifen Medikament wird. Das schließt alle vorklinischen Phasen ein, sowohl die Laborarbeit an Zellkulturen und Tieren als auch die drei klinischen Phasen, in denen der Wirkstoff an Probanden*innen getestet wird. Im Schnitt dauert dieser ganze Prozess bis zur Zulassung 13,5 Jahre.

Wie ein neues Medikament entsteht und wie die einzelnen Phasen aussehen, könnt ihr ganz genau auf der Seite des VFAs nachlesen.

Tanz der Moleküle: Hierauf schauen Wissenschaftler*innen bei der Entwicklung von Schmerzmitteln

FibroFee: Und wie wird entschieden, woran geforscht wird? Von welchen Faktoren hängt das ab?

Katrin Fleischer: Es muss letztendlich immer ein Match zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und der Umsetzbarkeit geben. Also fragen wir uns: Was wissen wir über die Erkrankung und was ist wissenschaftlich möglich? Wie schon gesagt, müssen wir zuerst die Erkrankung auf molekularer Ebene verstehen. Dieses Verständnis wird durch Grundlagenforschung erarbeitet, vielfach an Universitäten aber auch bei uns im Haus. Daneben ist auch die Frage besonders wichtig, wo es den höchsten medizinischen Bedarf gibt.

FibroFee: Das heißt, Sie sagen nicht unbedingt: Wir wollen jetzt ein Medikament für Krankheit XY entwickeln. Sondern wenn es Erkenntnisse über die Funktionsweise einer bestimmen Erkrankung gibt, dann suchen Sie beispielsweise ein Schmerzmittel, das bei der Entstehung dieser speziellen Schmerzen ansetzt?

Katrin Fleischer: Ja, Basis für unsere Arbeit ist das Verständnis über eine Erkrankung. Wir brauchen einen Ansatzpunkt im Krankheitsgeschehen auf Ebene der Moleküle. Dafür tauschen wir uns mit einem Netz von Forschenden in der ganzen Welt aus.

Lies, warum warum auch für dich Wissen die beste Voraussetzung für ein gutes Leben mit Krankheit ist.

Wie Nebenwirkungen bei einem Schmerzmittel entstehen und wie sie sich vermeiden lassen

FibroFee: Ein ganz wichtiger Punkt für uns Patienten*innen sind die Nebenwirkungen, auch bei einem Schmerzmittel. Können Sie mir erklären, wie es ganz allgemein zu Nebenwirkungen bei der Einnahme von Medikamenten kommt? Wieso werden keine Mittel ohne Nebenwirkungen entwickelt?

Katrin Fleischer: Eines der wichtigsten Ziele unserer Forschung ist es immer, Wirkstoffe zu finden, die so gezielt wie möglich wirken und dadurch so wenig Nebenwirkungen wie möglich haben. Um zu verstehen, wie Nebenwirkungen entstehen, muss man wissen, wie unser Körper aufgebaut ist und an welcher Stelle Wirkstoffe ansetzen. Ich habe ja bereits beschrieben, dass wir immer ein Target suchen, an dem wir ansetzen können. Das kann zum Beispiel ein bestimmter Rezeptor sein  –  unser Körper ist voll von unterschiedlichen Rezeptoren. Die kann man sich vorstellen wie Empfangsantennen, die Signale von Botenstoffen empfangen und darauf Prozesse an- oder ausschalten können.

Weil unser Körper aber auch sehr effizient arbeitet, sind bestimmte Antennen selten nur für einen Bereich oder ein Signal zuständig. Wirkstoffe von Medikamenten docken an den Rezeptoren an, um so die Weiterleitung eines Signals zu verhindern, das am Krankheitsgeschehen beteiligt ist. Zum Beispiel kann ein Wirkstoff einen Rezeptor an Nervenenden blockieren, die Schmerzreize an das Gehirn weiterleiten. Weil nun aber dieser Rezeptor nicht nur an den Nervenenden sitzt, sondern auch an anderen Stellen im Körper, beispielweise in Magen oder Darm, wirkt er auch dort, wo die Krankheit gar nicht aktiv ist und blockiert auch dort die Signalweiterleitung. Das, was an einer Stelle eine gewünschte Wirkung hervorruft, kann an anderer Stelle eine unerwünschte Wirkung haben, weil ein und dieselbe Zielstruktur – hier der Rezeptor – verschiedene Aufgaben im Körper hat.

FibroFee: Das heißt, es liegt in der Biologie unseres Körpers, dass Wirkung und Nebenwirkung kaum zu trennen sind? Wie können Nebenwirkungen dann überhaupt vermieden werden?

Katrin Fleischer: Da gibt es verschiedene Wege. Ein Molekül bindet womöglich nicht nur an der Zielstruktur (Target), sondern auch an anderen, aber sehr ähnlichen Strukturen. Daher wird zum einen versucht, eine Substanz chemisch so zu optimieren, dass das Molekül des Wirkstoffs möglichst nur noch mit dem Target reagiert. Zum anderen werden andere Darreichungsformen entwickelt, die den Wirkstoff nur dorthin bringen, wo wir die Wirkung haben wollen – auch das verringert Nebenwirkungen. Ein Beispiel hierfür wäre bei einem lokalen Schmerz das Medikament nur dort einzusetzen, wo auch der Schmerz sitzt. Etwa durch ein Pflaster oder eine Creme. Bei Schmerzen die im ganzen Körper vorkommen, ist das natürlich viel schwieriger. Ein weiterer Weg ist es, individualisierte Arzneimittel zu schaffen, die auf die Gene der Patienten*innen angepasst sind. All das ist ein wichtiger Teil unserer Forschungsarbeit.

Wie Studienteilnehmer*innen für Schmerzmittel gefunden werden

FibroFee: Wenn das Schmerzmittel dann in die klinischen Phasen geht: Wie finden Sie Patienten*innen für Ihre Studien und wie werden diese ausgewählt? Wie wird hier Diversität gewährleistet im Hinblick auf Faktoren wie Geschlecht oder Begleiterkrankungen?

Katrin Fleischer: In der ersten Phase werden Wirkstoffe immer an gesunden Probanden*innen getestet. Hier wird untersucht, wie etwa der Wirkstoff aufgenommen wird und ab welcher Dosis Nebenwirkungen auftreten. Erst in der zweiten und dritten Phase werden Tests an Patienten*innen durchgeführt. Anfangs untersucht man den Wirkstoff an einer möglichst homogenen Gruppe von Patienten*innen, also einer Gruppe mit möglichst wenigen Co-Erkrankungen oder Co-Medikationen. Dies ist wichtig, um die Studiendaten möglichst nicht zu verfälschen und statistisch valide Ergebnisse zu erzielen. Denn die Vergleichbarkeit der Daten wird umso schwerer, je heterogener die Gruppe der Probanden*innen ist.

Außerdem möchte man ein klares Bild über das Wirkungs- und Nebenwirkungsprofil des eigenen Arzneimittelkandidaten erhalten, das nicht durch Co-Medikationen beeinflusst ist. Erst im weiteren Verlauf der Arzneimittelentwicklung wird der Wirkstoff dann an immer heterogeneren Gruppen von Patienten*innen mit Begleiterkrankungen und Co-Medikationen untersucht. Zudem endet die Entwicklung auch nie mit der Marktzulassung. Auch danach werden weitere Studien durchgeführt und Beobachtungen genau gesammelt und ausgewertet, die wiederum zu Anpassungen führen. Studienteilnehmer*innen finden wir in der Regel über behandelnde Ärzte*Ärztinnen, die Experten*innen für die jeweilige Erkrankung sind.

Das größte Missverständnis beim Thema Schmerz

FibroFee: Zum Abschluss möchte ich wissen: Was ist für Sie das größte Missverständnis beim Thema Schmerz?

Katrin Fleischer: Schmerz kennt jede*r und hat jede*r schon einmal gehabt. Darum hat jede*r dazu etwas zu sagen. Alle wollen auf diesem Gebiet Experten*innen sein. Aber viele begreifen nicht, dass Schmerz so unterschiedlich ist. Darum: „Mein Schmerz“ ist nicht gleich „dein Schmerz“.

FibroFee: Ein gutes Schlusswort. Vielen Dank für das Gespräch!


Warum Forschung die beste Medizin ist

Nach diesem Gespräch habe ich Einiges besser verstanden als vorher – ich hoffe euch geht es ähnlich. Und noch genauer verstehe ich jetzt, warum Forschung die beste Medizin ist: weil wir erst durch das Wissen, das Forschung schafft, gezielte Therapien entwickelt werden können.

Alle Video-Interviews und Hintergründe zur Kampagne findet ihr auf forschung-ist-die-beste-medizin.de . Dort haben sich die anderen Teilnehmer*innen zu folgenden Themen schlau gemacht: Alzheimerforschung, Berufsbilder in der Pharma, Diabetesbehandlung der Zukunft, Epilepsie und VR-Technologie, Frauen in der Pharmaforschung, HIV und Hepatitis, Künstliche Intelligenz und Robotik, Medikamentensicherheit, Multiple Sklerose, Präzisionsonkologie und Psoriasis.

Warum ist für euch Forschung die beste Medizin? Und was habt ihr aus dem Gespräch mitgenommen? Schreibt es mir in die Kommentare!

Eure FibroFee


*Als „Anzeige“ bzw. „Werbung“ muss ich alle Beiträge kennzeichnen, bei denen ich etwas verdiene. Meine Arbeit ist für euch immer kostenlos und mein Blog kann in dieser Form nur existieren, weil ich bezahlte Kooperationen eingehe. Partner wähle ich mit Sorgfalt aus: sie sind seriös und bieten in erster Linie inhaltlichen Mehrwert für euch. Meine Texte spiegeln immer meine Sicht der Dinge wieder – egal ob mit oder ohne Koop: ich schreibe was ich möchte 😉. 

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